Die Macht der Musik – wer kann sie besser beschreiben als ein Meister des Violinspiels?Ein großer Violinist tauscht die Geige gegen die Schreibtastatur und reüssiert auch auf dem Gebiet der Literatur. Das bewegende Debüt von Eugene Drucker, dem Mitbegründer des Emerson String Quartets, wurde in den USA begeistert von Kritik und Publikum aufgenom-men. Die Geschichte geht unter die Haut. Nicht nur, wenn man weiß, dass große Teile des Romans auf Erlebnissen seines Vaters im “Dritten Reich”und auf Druckers eigenen Erfahrungen bei Auftritten in Krankenanstalten basieren.Unglück im Glück: Burkhard Keller wird zwar im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht nicht eingezogen. Aber die Aufgabe, die er stattdessen bekommt, ist nur auf den ersten Blick dankbar. Keller ist Geiger und spielt in Lazaretten Bach, Paganini und Ysaÿe. Schließlich wird der sensible Violinist zum Handlanger eines Lager-Chefs gemacht, der in einem perfiden Experiment herausfinden will, ob Musikgenuss verlorenen Lebenswillen und Lebensfreude in erniedrigten und gequälten Menschen wiedererwecken kann. Der Musiker erkennt nach und nach, was in diesem Konzentrationslager wirklich vor sich geht und dass auch sein eigenes Leben in Gefahr ist. Noch nie wurde die Frage, was Musik vermag und in Menschen bewegt, so eindringlich beschrieben wie von Eugene Drucker. Ein einzigartiger und bewegender Roman.

Über den Autor
Eugene Drucker, 1952 geboren, studierte an der Juilliard School in New York Musik und an der Columbia Universität Englisch und Literaturwissenschaft. Als Mitglied des Emerson String Quartets hat Eugene Drucker acht Grammys, den Avery Fisher Prize und drei Gramophone Awards gewonnen. Als Solo-Violinist feierte er seine größten Erfolge mit Bach und Bartók. Daneben verfasste er Artikel zu Musikthemen. Er lebt in New York.

Das Buch hat mir deutlich aufgeführt, was in meiner Lektüre falsch läuft: 99% aller Bücher habe ich nach zwei Wochen wieder vergessen, weil sie Massenware sind. Umso kostbarer sind die restlichen 1%, zu denen ich auch dieses Buch zähle: Sie sind so beeindruckend, dass ich sie noch nach Jahren dem Inhalt her nach kenne und dass es mir schwer fällt, danach zur Tagesordnung überzugehen.
Drucker erzählt vordergründig die Geschichte eines Geigers, dem befohlen wird, an einem Experiment in einem KZ teilzunehmen: Wie wirken sich gute Behandlung und Musik auf Menschen aus, die jegliche Hoffnung verloren haben?** Und er stellt die Frage nach individueller Schuld gerade auch der Mitläufer, die *nur Befehle* ausführten. Dass es heute Leute gibt, die glauben darüber richten zu können, welches Leben lebenswert und welches am besten vernichtet werden sollte, macht die Lektüre geradezu zeitlos.

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Wobei sich Gedanken zur Musik im Warschauer Ghetto regelgerecht aufdrängen.

Plötzlich wird aus dem mutlosen Mitläufer Burkhard Keller der aktive Teilnehmer an einem heimtückischen Spiel. Je mehr ihm klar wird, dass er zum Mittäter wird, desto schwieriger wird das Violinenspiel für ihn. Dennoch schafft er es immer wieder, sich auf seine Kunst zu konzentrieren und auf diese Weise zu überleben ohne zu verzweifeln. In der Musik sieht er sogar ein Heilmittel für die armseligen Kreaturen in den gestreiften Lumpen, denen er vorspielt.

Dieser Widerspruch zwischen Kultur und Barbarei, zwischen Krieg und Hoffnung auf Frieden, zwischen Angst und Aggression prägt auch Kellers Leben. Er wird plötzlich zum Mittäter, zum professionellen Handlanger eines skrupellosen Kommandanten. Er hat auch keine Wahl, denn man droht ihm mit der Gestapo, falls er vor Beendigung des Experiments das Lager verließe. Keller bleibt – und macht mit. Er arrangiert sich mit den Umständen – auch aus Furcht und Angst um sein eigenes Leben.

Belletistiktipps

Doch nicht nur Keller berührt. Da gibt es zum Beispiel den jungen, ruhigen Wachmann Rudolph, der im Arbeitslager, in dem Keller spielen muss, seinen Dienst verrichtet. Er liebt selbst die Musik sehr, wenn auch nur als Zuhörer, und ist im Gegensatz zu seinen Kollegen nicht mit seinem Herzen bei der Arbeit. Doch auch er legt, wenn nötig, eine erschreckende Kaltblütigkeit an den Tag, damit sein Mangel an Eifer nicht auffällt. Er weiß, dass das eine einzige Chance ist, zu überleben. Daneben gibt es noch den Lagerkommandanten, der seinen Job mit umso mehr Eifer ausübt und zu seiner Ideologie und seinen Taten steht. Dabei wird eine schwierige Frage aufgeworfen: Wer ist ehrlicher und moralisch „besser“? Der Kommandant, der mit schonungsloser Ehrlichkeit zu seinen Überzeugungen steht oder jemand wie Keller, der nur allzu gerne das Befolgen von Befehlen vorschiebt, um sich zu rechtfertigen?

Histo-Couch

Mit Burkhard Keller hat der Autor Eugene Drucker eine Figur geschaffen, die eine individuelle Biografie hat und zugleich exemplarisch für große Teile der deutschen Bevölkerung steht: Er war kein Anhänger der Nazis, hatte sich zu Anfang sogar ein wenig exponiert, war dann aber in eine Art Schockstarre gefallen, in eine Mischung aus Angst, Schuldgefühl und Apathie. Mit solchen konnte das Regime machen, was es wollte.

Eugene Drucker hat mit seinem Roman auf zwei Fragen antworten wollen. Die erste: Wie konnte ein so kultiviertes Volk wie das deutsche so tief sinken? Die zweite: Wie hätte ich mich verhalten? Auf solche Fragen gibt es keine wirklichen Antworten, nur Geschichten; wie ja auch die unendliche jüdische Weisheit für die Jahrhunderte der Verfolgung keine Erklärung hat, sondern nur Geschichten und Gleichnisse. Drucker hat mit Keller einen Durchschnittsmitläufer geschaffen, der etwas kann, also verwendbar ist, und dem zugleich jener Kern fehlt, der ihn zur Persönlichkeit macht und der Keim des Widerstandes hätte sein können.

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Fazit:

Ein beeindruckenes Stück Lager-Literatur, welches das Grauen von damals spürbar werden lässt und eines verdeutlicht: Die Grenzen zwischen Mitläufer und Täter sind sehr fließend, und auch erstere werden irgendwann nicht ohnehin kommen, ihr Gewissen zu belasten, sofern sie über das nötige Reflexionsvermögen verfügen.

Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Verlag: Osburg; Auflage: 1 (26. Februar 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3940731358
ISBN-13: 978-3940731357
Originaltitel: The Savior
Größe und/oder Gewicht: 20,4 x 12,8 x 2,6 cm