Die unberührte Kindheit: davon können Kinder und auch deren Eltern heute nur noch träumen. Kind sein dürfen, kreatives und phantasievolles Spielen um des Spielens willen – für Susanne Gaschke ein Ideal aus einer anderen Zeit. Kindheit heute bedeute vielmehr, schon vor dem Eintritt ins Jugendalter Konventionen unterworfen zu sein, die durch Konsumindustrie und Werbung diktiert werden. Schon Kinder sollen und wollen “cool” sein, sich älter geben als sie sind, Erwachsene ablehnen, Grenzen überschreiten und sich über Marken und Produkte definieren. Für etwas wie Kindheit im traditionellen Verständnis ist da kein Platz mehr. Der Konsumindustrie sei dies nur recht, sagt Susanne Gaschke, denn für diese seien Kinder vor allem eine spontane, ungehemmte und leicht manipulierbare Zielgruppe, die selbst oder über ihre Eltern über so viel Geld wie niemals zuvor verfügen. Die Autorin warnt vor dem Ausverkauf der Kindheit, ermutigt Eltern, ihre Erziehungsverantwortung wahrzunehmen und zeigt Strategien für die Rückeroberung der Kindheit auf.

Bundeszentrale für politische Bildung

Susanne Gaschke (* 1967 in Kiel) ist eine deutsche Journalistin und Autorin von Sachbüchern. Sie ist mit dem SPD-Politiker Hans-Peter Bartels verheiratet und hat eine Tochter.

Mit einer Dissertation über Kinderliteratur wurde sie 1993 promoviert.

Sie ist Redakteurin bei der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Zu ihren Themen-Schwerpunkten gehören Familien- und Bildungspolitik. In jüngster Zeit wendet sie sich besonders Urheberrechtsfragen zu, wobei sie die bildungs- und kulturkonservative Position des Heidelberger Appells einnimmt.

Wikipedia

Das Buch begann durch seine Redundanz ziemlich zu nerven – an die 200 Seiten findet die Autorin Beispiele dafür, wie das heutige Spielzeug die Kinder entmündigt, weil es nur noch blinkt und Befehle erteilt.

Dabei findet ein Aspekt viel zu wenig Beachtung, weil sie zu sehr beklagt, wie die Firmen in die Schulen eindringen und die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder durch moderne Filmchen (keine Spannungsbögen) und Spielzeug immer niedriger wird: Die Eltern.

Es ist schwer zu sagen, ob es Standard ist, denn die Eltern, die besser gestellt sind und ein bisschen nachdenken, werden nicht jeden Pups ihres Kindes im Internet posten.
Aber was soll aus Kindern werden, deren Kindheit in diversen Blogs dokumentiert wird und aus deren Wortkreationen lustige Ratespielchen werden? *Merkt ein Fisch, dass es nass ist*, fragt ein Medienforscher und bei diesen Eltern kann man unterstellen – sie merken es nicht, denn sonst würden sie nicht glauben, dass dies eine liebevolle und respektvolle (!) Aufzucht wäre; ginge es nur um die Kinder und nicht um Selbstdarstellung, würde es ein Privatblog genauso tun)., Die Kinder von ihnen lernen von klein auf, dass es in Ordnung ist, dass ganze Privatleben inklusive Ultraschallfotos und Schwangerschaftsfotos (was kommt als nächstes, die Kontoauszüge?) ins Internet zu stellen. Wie sollen Kinder Medienkompetenz oder Schamgefühl lernen, wenn nicht einmal die Eltern dies haben?

Ein weiteres Beispiel für *Merkt ein Fisch, ob es nass ist*: Computerspiele

Man kann den Tricks dieser Spiele, die gezielt darauf getrimmt werden, leicht erliegen, sich allerdings ebenso davon losreißen und dann merkt man sehr schnell, was für eine abartige Zeitverschwendung es ist und dass es einem nich einmal Spaß gemacht hat.

Achievements gehöre z.B. ebenso dazu und sind die mit Abstand günstigste Methoed für eine Entwickler, um Menschen zu “beschäftigen”.

100000 mal einen Knopf drücken. Macht niemand? Achievement setzen und schon stürzen sich die Leute zu tausenden darauf.

Quelle

Es gab ein psycholigsches Experiment. Probanden wurde abwechselnd Wasser und Orangensaft gereicht. Ihr Dopaminspiegel wurde während dessen gemessen.
Reichte man ihnen die Getränke alternierend, genau im Abstand von 10 Sekunden, nahm ihr Dopaminspiegel anfangs leicht zu, aber sobald sie den Ryhtmus begriffen hatten, sank er auf den Anfangszustand.
Wurden der zeitliche Abstand und die Reihenfolge beständig variiert, so dass die Probanden keinen Rythmus erkennen konnten, nahm der Dopaminspiegel stark zu und blieb sehr hoch. Die Probanden waren gespannt, was als nächstes kommt.
So leicht kann man Menschen glücklich machen.

Eine andere Quelle

Mein Ex-WoW-Spielepartner ist nicht gerade ein intellektuelle Leuchte; morgens Bildzeitung, abends RTL-Nachrichten, Bücher nur einmal im Jahr in Form von Reiseführern und dazwischen gibt es – sieht man von der Arbeit ab – nur Fernsehen und WoW. (Es soll noch einer sagen, ich hätte keine Geduld mit anderen Menschen, ich habe mir an die fünf Jahre das allerunterste intellektuelle Niveau angetan).

Ich schreibe es deswegen, weil es der Prototyp dessen ist, was die Autorin bemängelt: Er muss ständig unterhalten werden, und ist nicht in der Lage sich selbst zu unterhalten. Wie oft habe ich gesagt, dass er mal rausgehen sollte, wenn er so gerne fotographierte, würde sich doch die Lüneburger Heide anbieten, aber das war wieder zu viel Aktivität. Stattdessen begreift er es als Spiel, sich Befehle erteilen zu lassen: Töte soundso viel, sammel soundso viel. Und dort kann man den Übertrag zu dem Kinderspielzeug herstellen: Es wird inzwischen als Spiel empfunden, Anweisungen entgegenzunehmen. Früh übt sich, wer Arbeitssklave sein will. Nur: Kreativität lässt sich so nicht lernen und gerade das finde ich für Kinder sehr wichtig.

Mich macht im Augenblick – trotz aktiven Accounts – selbst der Gedanke WoW zu spielen nervös, da es eine unglaubliche Reizüberflutung darstellt und ich es über die Jahre immer weniger als Spiel begriffen habe, Befehlsempfänger zu sein.

Allerdings ist die Autorin ein wenig rückwärts gewandt, wenn sie alle Computerspiele pauschal verurteilt. Die meisten Buchliebhaber sind auf ihre ganz eigene Art und Weise unglaublich boniert: Sie glauben, sie hätten ein Hobby, welches sie per se zu Intellektuellen macht. Die wenigsten Leute dürften anspruchsvolle Romane zur Entspannung lesen (ich gehöre auch nicht dazu), die meisten wollen wohl reine Unterhaltung.

Besonders kritisiert die Autorin (und mit ihr vermutlich viele Leser), dass man bei Computerspielen einem Drehbuch folgt. Folge ich etwa bei einem Buch nicht dem Autor? Die meisten Leser haben irgendwelche Gruselberichte über Counterstrike gehört und meinten, nun hätten sie Ahnung von *Computerspielen*, wahrscheinlich ist dies auch die Spielekategorie, die den meisten Menschen einfällt. Es gibt aber auch ganz wunderbare Spiele – Adventures – in denen ich eine Geschichte erzählt bekomme und gleichzeitig Transferaufgaben lösen muss – Codes knacken, wie ein Polizist Spuren sammeln und vergleichen, genau hinhören, was die Leute sagen ect. Ich behaupte nach wie vor – und diese Meinung werde ich auch überall vertreten – dass es fordernder ist, einen Krimi selbst aufzulösen, als nur dumpf einem Text zu folgen und den Figuren die Auflösung zu überlassen.

(Wobei ich ihr soweit Recht gebe, dass auch ich hauptsächlich lese, weil es ein Hobby ist, welches Unterhaltung mit Stille verbindet).

Und so geht es weiter:

Kinder sollen sich nicht nur in Indoorspielplätzen austoben – weil die wieder nur überreizten – sondern das Ideale wären Jugendfarmen . Natürlich sind die besser – aber soviele Jugendfarmen wie es Bedarf gibt, kann es gar nicht geben. Die Realität ist eher, dass unter großem Jubel z.B. Pferdesteuern eingeführt werden sollen (betrifft ja wenige und der Stadthaushalt geht einigen über alles). Und was ist die Folge? – Mehr Kinder, für die der Reitunterricht zu teuer wird und sich dann vorm Fernseher wiederfinden. Es bleibt zu hoffen, dass sie die Partei, die ihnen das angetan hat, ihr Lebtag nicht vergessen.

Auch genehmigt von der Autorin: Astrid Lindgrens Welt. Vielleicht bin ich inzwischen auch ein Fisch, der nicht merkt, dass es nass ist, aber: So nett der Park sicherlich ist, nur wollte ich dies nicht.

Fazit:

Das Buch liefert Denkanstöße, geht aber mit seiner Redundanz und dem Wunsch, die Zeit um 50 Jahre zurückdrehen zu können, irgendwann arg auf die Nerven. Ich bin froh, dass ich nicht in der heutigen Welt aufwachsen muss, Verführungen wie WoW und Internet inklusive. Ich bin froh, dass ich im Garten einen Sandkasten, ein Holzpferd und eine Blockhütte hatte und dass ich mit einem Besen stundenlang *Die kleine Hexe* spielen konnte. Aber die Autorin prangert zuviel an und weist zu wenige Lösungen auf, die für einen Großteil der Eltern praktikabel sind.

Gelesen wurde die Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung.

Auch erhältlich unter:

Broschiert: 272 Seiten
Verlag: Pantheon Verlag; Auflage: 2 (29. August 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3570551725
ISBN-13: 978-3570551721
Größe und/oder Gewicht: 20 x 12,6 x 2,4 cm