Selbst erlesen

Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind.
Im Rausch der Stille

Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?
Nachtzug nach Lissabon

22 Gedanken zu “Selbst erlesen”

  1. Die Nacht ist das geheimnisvolle Buch der Nachdenklichen, Verliebten und Dichter. Sie alleine verstehen es, darin zu lesen, sie allein sind im Besitz seines Schlüssels. Dieser Schlüssel ist die Unendlichkeit.

    Eine Frage der Schuld von Tolstaja

  2. Tom-Tom ist ein Typ, den niemand leiden kann, aber das sagt dir nicht über ihn. Tom-Tom ist ein Typ, der es toll findet, dass ihn niemand leiden kann, denn das bedeutet, dass er recht haben muß, wenn er die Welt als riesiges Stück Scheiße betrachtet. Vermutlich kannst du sagen, dass Tom-Tom lieber recht hat, als gemocht zu werden.

    Im Bann, S. 66

  3. Das ist eine Vorstellung, die mich immer faziniert hat: Die reale Welt. Nur eine ganz bestimmte Gruppe von Leuten nutzt diesen Begriff, ist euch das auch schon einmal aufgefallen? Für mich versteht sich von selbst, dass jeder in einer realen Welt lebt – wir alle atmen realen Sauerstoff, essen reale Lebensmittel, die Erde unter unseren Füßen fühlt sich fur uns alle gleich fest an. Aber anscheinend haben diese Menschen eine enger gefasste Definition von Realität, die sich meinem Verständnis entzieht, und noch dazu ein fast pathologisch brennendes Bedürfnis, andere auf diese Definition einzuschwören.

    Tana French, Totengleich, S. 280

    Ich glaube, die Denkweise hat ihren Ursprung im puritanischen Moralkodex: Wo es darum geht, sich in eine strenge hirachische Ordnung einzufügen, wo Selbstverachtung eine Rolle spielt, wo alles, was Spaß macht oder nicht reglementiert ist, Ängste auslöst…Aber ich habe mich immer gefragt, wie dieses Paradigma zu einer Begrenzung nicht bloß der Tugend, sondern der Realität selbst werden konnte.

    S. 281

    Unsere ganze Gesellschaft basiert auf Unzufriedenheit.

    Wenn du völlig zufrieden bist, mit dem was du hast – erst recht, wenn das, was du hast, noch nicht einmal besonders toll ist -, dann bist du gefährlich. Du verstößt gegen alle Regeln, du untergräbst das heilige Wirtschaftssystem, du stellst Grundsätze in Frage auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist.

    Tana French, Totengleich, S. 282

  4. Warum addieren die Menschen, wenn sie über das Leben anderer nachdenken, immer nur die großen Zahlen, um zu einem Urteil zu gelangen? Wenn sie jedoch ihr eigenes Leben aufrechnen, dann sind sie durchaus bereit, mit tausend Zahlen zu jonglieren, sie zu multiplizieren, zu addieren, zu subtrahieren, bis die Bilanz frisiert und ihnen das Endergebnis in den Kram passt.

    Tod vor Morgengrauen, S. 86

  5. Für Amerikaner ist das Sternenbanner nicht bloß eine nationale Flagge, sondern das Heilige Kreuz selbst.

    Gewiß, sie (die Amerikaner) sind warmherzig, freundlich, höflich, gastfreundlich und tierlieb, was bei den meisten von ihnen leider gar nichts daran ändertm daß sie gleichzeitig strohdumm sind.

    Adair, Und dann gabs keinen mehr, S. 18

  6. Primzahlen sind nur durch 1 und durch sich selbst teilbar. Sie haben ihren festen Platz, eingeklemmt zwischen zwei anderen, in der unendlichen Reihe natürlicher Zahlen, stehen dabei jedoch ein Stück weiter draußen. Es sind misstrauische, einsame Zahlen. [...] Primzahlzwillinge werden sie von Mathematikern genannt: Paare von Primzahlen, die nebeneinanderstehen oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. [...] Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können.

    (Paolo Giordano – Die Einsamkeit der Primzahlen)

  7. Aber ich wusste, dass keine Krankheit sie dahinraffte, sondern ein gebrochenes Herz. Sie wollte bei Mattie sein, endlich ihr Nirwana finden.

    S. 266

    Das Böse gibt es nicht, nur Menschen, die verletzt wurden und deshalb andere verletzten.

    S. 277

    Wie die Sterne am Himmel

  8. Ich mache nie Ausnahmen. Ausnahmen setzten die Regel außer Kraft.

    Das Zeichen der Vier, S. 28, Doyle

  9. „Natürlich kaufte sich Hasley ein Auto, und ich lernte – nach einer Weile – nicht mehr anhalten zu wollen, um nach den Hunden zu sehen, die man gerade überfahren hat. Die Leute können so unangenehm werden, wenn es um ihre Hunde geht.“

    Die Wendeltreppe, Rinehart

  10. „Noch ein Wort an den kritischen Leser: Solltest du ein Lump, ein Grobian, ein Schurke, ein Querulant oder ein dummer Esel sein ….geh hin und häng dich auf – ich pfeif auf deine Liebe wie deinen Hass…“.

    Der Hochmut der Spanier und die Höhe der Berge ihres Landes scheinen mir in einer Beziehung zu stehen“.

    William Lithgow; Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow

  11. Ehrgeiz, Julia, ist absolut legitim. Und wenn Ehrgeiz im Spiel (ist), ist Scheitern die einzige Sünde. Sieg gilt automatisch als Tugend.

    Das Geheimnis der schwarzen Dame, S. 204

  12. Die schiitische Ausrichtung des Islam, die im Iran vorherrscht, weist von den ersten Anfängen an einige Charakteristika auf. Während andere Ausrichtungen Unterwerfung unter die Herrscher predigten, auch wenn diese von Korruption und Unterdrückung Gebrauch machten, so predigte das Schiitentum den Widerstand gegen sie und prangerte sie als illegitim an. Von Anfang widersetzten sich Schiiten unterdrückenden Regierungen…

    Ayatollah Khomeini, gefunden in Rufe vom Minarett, S. 49

    :roll:

    Iran Air hat alle Rettungswesten aus den Flugzeugen entfernt, weil die Leute sie immer wieder gestohlen haben. Ich hatte einen Freund, der das getan hat. Als er es mir erzählte dachte ich sofort: Du wirst nicht länger mein Freund sein. Soetwas widert mich an; es ist widerlich.

    S. 154-155

  13. *Selbst wenn die ein neues Bein wachsen würde*, sagte Achmed, *wärst du nicht heil, solange du nicht vergeben hast*. Die Bitterkeit wird dich auffressen und dich letztendlich zerstören. Es ist, als würde man eine Pflanze mit Salzwasser gießen. Du wirst langsam austrockenen und sterben*.
    S. 354

    Vergebung bedeutet, die Schuld zu erlassen, den Schuldschein zu zerreißen, das Konto auszugleichen. Nur du hast das recht das zu tun. Du bist diejenige, in deren Schuld sie stehen. Du denkst vielleicht, dann sind sie frei, sie kommen davon und das stimmt. Deine Feinde haben diese Vergebung nicht verdient. Aber wenn du vergibst, wirst du feststellen, dass nicht sie es sind, die frei werden – du wirst frei.
    S. 355

    *Der einzige Weg, die Kraft dazu zu finden, ist die Erinnerung daran, dass Gott für dich das Gleiche getan hat. Zähle alle deine Verfehlungen zusammen, rechne aus, was du ihm schuldest. Du trittst vor den Richterstuhl Gottes und stellst fest, dass auch du den Tod verdient hast.
    Als Jesus vor dem hohen jüdischen Rat stand, war er unschuldig. Und doch hielten ihn die Mitglieder für schuldig und verurteilten ihn zum Tode. Warum? Wie das geschehen konnte? Es geschah, weil die Schuld, die sie sahen, deine war. Es war, als würden sie Gottes Richterspruch über dich verkünden, aber Christus trat an deine Stelle, um für dich zu sterben. Er wurde zum Sündenbock für dich. Und genau auf diese Weise hat Gott die Liste mit deinen Sünden zerrissen. Ja, die Bibel sagt: Er straft uns nicht, wie wir es verdienten. Das galt wegen der Opfer im Tempel. Jom Kippurglich das Konto jedes Jahr wieder aus. Aber das Blut von Lämmern und Ziegen konnte unsere Sünde nicht auf Dauer tilgen.

    Gottes Gerechtigkeit fordert für das Leben eines Menschen das Leben eines anderen Menschen. Christus war dieser Mensch. Lies Jesajas Prophezeiung. Dort heißt es: Wegen unserer Schuld wurde er gequält und wegen unseres Ungehorsams geschlagen. Die Strafe für unsere Schuld traf ihn und wir wurden gerettet. Er wurde verwundet und wir sind heil geblieben.
    S. 355/356

    Lynn Austin, Im Sand der Erinnerung

  14. Hat man eine Sünde ehrlich bereut, so ist sie vergeben und vergessen; der Lohn der Dummheit jedoch ist, dass man sich ihrer ewiglich erinnert.

    Wenn die Mondblumen blühen; S. 206

  15. *Der Teufel, Constantia*, sagte Meffridus, *ist nichts anderes als ein name, den wir der Dummheit und der Bösartigkeit gegeben haben, die wir auf den Grund unserer Seelen finden. Er ist die Entschuldigung dafür, dass wir Dinge tun, die unser Gewissen sich winden lässt, und gleichzeitig die Kraft, die dahintersteckt, dass wir sie tun.

    Dübell, Die Pforten der Ewigkeit, S. 623

  16. Und in aller Ungewißheit ist es mir gewiß, daß unter den obenauf liegenden Schichten von Schwachheit die Menschen gut sein wollen und daß sie geliebt werden wollen. Ja, die meisten Laster sind nur Versuche, kürzere Wege zur Liebe einzuschlagen. So begabt und einflußreich, genial ein Mensch gewesen sein mag, muß ihm, wenn er ungeliebt stirbt, in der Todesstunde sein Leben als ein Mißlingen und das Sterben als ein kaltes Grauen erscheinen. Mich will dünken, daß, wenn du und ich zwischen den Bahnen des Denkens und des Handelns zu wählen haben, wir des Sterbens gedenken und so zu leben versuchen, daß unser Tod der Welt keine Freude bringt.

    Wir haben nur eine einzige Geschichte. Alle Romane, alle Gedichte sind begründet auf den nie endenen Wettstreit zwischen dem Guten und dem Bösen. Und das Böse, soviel weiß ich, muß sich immer wieder neu erzeugen, während das Gute unsterblich ist. Das Laster trägt immer ein frisches neues Gesicht, während die Tugend ehrwürdiger ist denn alles auf der Welt.

    Steinbeck; Jenseits von Eden; S. 509

    *Mein Vater machte eine Gußform und preßte mich hinein*, sagte Adam.* Aber ich war ein schlechter Guß, ich war nicht mehr umzuschmelzen. Kein Mensch kann umgescholzen werden. Und so blieb ich ein schlechter Guß.
    S. 553

    Als ich verwundet und krank, vollkommen zerbrochen war, nahm er mich auf, pflegte mich, kochte für mich. So versuchte er mir die Hände zu binden. Dankbarkeit, Dankesschuld, das sind die schlimmsten Handschellen.
    S. 566

  17. Ich nenne Leute reich, wenn sie imstande sind, die Bedürfnisse ihrer Phantasie zu befriedigen.

    James; Bildnis einer Dame; S. 238

  18. *Shoppen ist ein Akt der Verzweiflung*.

    *So verbringen die Leute heute ihre Zeit*. Das ist die kulturelle Hauptaktivität dieser Epoche – was Bände über die Leere der moderenen Existenz spricht*

    Kennedy; Die Liebhaberin.

  19. ‘Sie sehen etwas, das Ihnen nicht gefällt und haben sofort das Bedürfnis, es zu zerstören’.

    Lee Child, Outlaw

  20. Erst zahlen sie jeden Preis, um die schönsten Tiere zu bekommen, und dann, wenn es hart auf hatz kommt, sind sie nur noch lästig. Da werden sie von einem Lebewesen, ja vom besten Freund, plötzlich zum störenden Gegenstand, der unnötig kostet.

    Balfour, Ich schreibe dir 7 Jahre, S. 231

  21. Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichketen der Dokumentation trifft.

    S. 25

    Mein jüngeres Ich war zurückgekommen, und mein älteres Ich war entsetzt darüber, was jenes Ich gewesen war oder immer noch war oder wozu es machnmal imstande war.

    S. 120

    »Ich glaube ganz sicher, dass wir alle auf die eine oder andere Art Schaden leiden. Wie sollte es auch anders sein, außer in einer Welt mit perfekten Eltern, Geschwistern, Nachbarn und Gefährten?«

    Barnes; Am Ende einer Geschichte

  22. Heute Nacht hat unser Mörder eine Grenze überschritten’, fuhr sie fort. ‘Frauen die Gebärmutter herauszuschneiden und sie herumliegen zu lassen geht meiner Auffassung nach einen Schritt zu weit. Wir müssen den Kerl unbedingt drankriegen.

    Dunkle Gebete, Bolton, S. 154

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