Surftipp: „Bildung als Provokation“

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„Bildung als Provokation“
Warum streben wir nach Bildung? Um unser Leben zu optimieren, um die Gesellschaft insgesamt in eine zivilisiertere Gemeinschaft zu verwandeln? Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat da so seine Zweifel. Ein Vorabdruck

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John Boyne – Der Junge auf dem Berg

Als Pierrot seine Eltern verliert, nimmt ihn seine Tante zu sich in den deutschen Haushalt, in dem sie Dienst tut. Aber dies ist keine gewöhnliche Zeit: Der zweite Weltkrieg steht unmittelbar bevor. Und es ist kein gewöhnliches Haus: Es ist der Berghof – Adolf Hitlers Sommerresidenz.
Schnell gerät der Junge unter den direkten Einfluss des charismatischen Führers. Um ihm seine Treue zu beweisen, ist er zu allem bereit – auch zum Verrat.

Ein brandaktuelles Buch in Zeiten des weltweiten Rechtsrucks.

Adolf Hitler mit Eva Braun auf dem „Berghof“ 1942 (1)

John Boyne ist für mich ein Meister der Charakterzeichnung und umso mehr waren sie diesmal eine Riesenenttäuschung. Wobei ich mir nicht darüber klar bin, ob sie als Kinder-/Jugendbuch bewusst plakativ überzeichnet worden ist, oder ob das Buch einfach schlecht geschrieben worden ist.

Gerade bei der Reise in Deutschland gehen die Überzeichnungen Schlag auf Schlag: Pierrot fällt auf dem Bahnsteig hin und ein Wehrmachtssoldat empfindet ein wahnsinniges Vergnügen daran, ihm Schmerzen zu bereiten, indem er ihm auf den Fingern rumtritt. Klar, der durchschnittliche Soldat kannte natürlich nichts Schöneres, als kleine Kinder zu quälen. Im Zug geht es weiter, der Schaffner steckt in ein Abteil mit Hitlerjungen, die natürlich nichts Besseres zu tun haben, als ihm sein Reiseproviant abzunehmen. Fast konträr dazu Hitler, der aus Sicht Pierrots als eine Art netter Onkel dargestellt wird. Auch Pierrot, später Peter, wird zu einer richtig miesen Type, je mehr er sich in die Hitlerjugend verstrickt. Subtil ist etwas anderes als diese Charakterzeichnungen.

Kehlsteinhaus (2)

Die Antifaschisten, denen Pierrot/Peter nach und nach den Tod und die Vertreibung bringen wird, bleiben dagegen merkwürdig farblos. Auch kommt nicht rüber, dass er irgendwelche Gewissensbisse hat, die jeweiligen Uniformen anzuziehen, gerade nach seinen negativen Erfahrungen. Da ist kein inneres Sträuben, kein gar nichts.

Mich hat das Buch irritiert, weil ich bis jetzt von jedem Buch von John Boyne begeistert war, weil sie mich berührt und zum Nachdenken gebracht haben. Bis auf die letzten Seiten, in denen sich Pierrot/Peter seinen Taten stellt und Verantwortung dafür übernimmt, war das nicht der Fall.

Fazit

Eine zweite *Blechtrommel* für Kinder ist das Buch wirklich nicht, die Charaktere sind so flach wie die Handlung geraten.


John Boyne wurde 1971 in Dublin, Irland, geboren, wo er auch heute lebt. Er studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben und bekam bereits als Student erste Auszeichnungen. Nach zahlreichen Kurzgeschichten hat er inzwischen sieben Romane geschrieben, von denen bisher drei auf Deutsch veröffentlicht wurden. Sein 2006 erschienener und bereit kurz darauf erfolgreich verfilmter Roman ›Der Junge im gestreiften Pyjama‹ wurde in über 40 Sprachen übersetzt, mit zahlreichen nationalen wie internationalen Auszeichnungen und Preisen geehrt und hat weltweit über fünf Millionen Leser gefunden.

Der Junge auf dem Berg
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: FISCHER KJB; Auflage: 1 (24. August 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3737340625
ISBN-13: 978-3737340625
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 12 Jahren
Originaltitel: The Boy at the Top of the Mountain
Größe und/oder Gewicht: 13,2 x 2,9 x 20,9 cm

(1) Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5457502
(2) Von Wolfgang Manousek aus Dormagen, Germany – Flickr, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=377983