Ich will niemanden gegenüber mehr verantwortlich sein.

„Zwischen dem, was die meisten Bundesbürger in ihrer Freizeit tun, und dem, was sie gern tun würden, besteht ein großer Unterschied“, sagt der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt. „Sie bleiben auch in ihrer Freizeit Getriebene.“

Genau so fühle ich mich. Getrieben. Getrieben durch World of Warcraft, wo *das Notwendigste* gerne jeden Tag 2-3 Stunden in Anspruch nimmt. Die letzten drei Wochen waren die Hölle, weil ich mir nicht vorwerfen wollte, nicht genug Haustierglücksbringer gesammelt zu haben. Am Ende habe ich mich nicht einmal mehr eingeloggt, um Missionen anzustoßen und ich bin froh, wenn heute die Spielzeit ausläuft.
Getrieben auch durch Rezensionsexemplare von gedruckten Büchern. Die Unterscheidung ist wichtig, denn Hörbücher versüßen mir das Aquajogging und Krimis finde ich nur noch vorgelesen wirklich prickelnd. Wobei schon wieder Teil des Problems ist, dass ich einen Krimi nicht mehr genießen kann, weil ich in der knappen Freizeit schließlich etwas Gehaltvolles lesen sollte – was immer das wieder sein soll.

Unsere Freizeit ist längst genauso gestaltet wie unser Berufsalltag: effizient, strukturiert, durchgetaktet. An die Termine erinnert eine App, die das Multitasking unserer Tagesabläufe überhaupt möglich macht. Es könnte Erholung sein, mehr noch, geradezu rebellisch, sich dem in seiner Freizeit nicht zu unterwerfen. Dass das aber kaum gelingt, zeigt auch der inflationäre Gebrauch des Wortes Freizeitstress, das den Widerspruch schon in sich trägt.

Ich schrieb es bereits: Nach dieser Herbstsaison werde ich nur noch sehr wenige Reziexemplare mehr lesen. Ich habe dazu einfach keine Kraft mehr. Ich möchte nicht mehr ein Buch lesen, weil ich es lesen muss. Ich bin auf dem besten Weg, mir das Lesen so komplett abzugewöhnen. Ich will ein Buch lesen, weil ich Zeit dafür habe und weil es mich begeistert – nicht weil es auf einem Stapel liegt, der abgearbeitet werden muss, wenn ich mich nicht als Betrüger fühlen möchte. Es gibt professionelle Literaturkritiker, sollen die lesen, bis ihnen die Köpfe qualmen. Ich will meine alten Bücher lesen – auch wenn ich dem Blog hier sinkende Leserzahlen prophezeihe. Und wenn ich mir ein aktuelles Buch kaufe, dann ist es ganz alleine meine Sache, ob ich es lese oder ob es im Regal verschwindet (und gelesen wird, wenn es alt ist). Ich will niemanden gegenüber mehr verantwortlich sein. Keinem Verlag und schon gar nicht gegenüber Spiel. Wenn ich malen will, dann will ich malen. Wenn ich mich mit den Themen meiner Bucket-List beschäftige, dann will ich mich damit solange beschäftigen, wie ich es für nötig halte. Und wenn ein anderes Thema des Weges kommt, wie unverhofft die Bronzezeit, dann damit.

Kann es sein, dass die Menschen aus Zeitmangel nicht mehr zum Hobby kommen? Binge-Watching dauert schließlich ganz schön lange. Mit einer Staffel Sopranos kann ein Wochenende schnell zu Ende sein.

Doch das beglückende Auf-sich-gestellt-Sein eines wahren Hobbys geht dabei verloren. Denn es handelt sich ja gerade um nichts, das kommuniziert werden soll, im Gegenteil: Es ist ein geheimnisvolles Herummurkeln, ein ungeschicktes Rumprobieren, ein Sichreinvertiefen, das den Rest der Welt völlig außen vor lässt. Ein Hobby – das englische Wort bedeutet Steckenpferd – ist reine Liebhaberei, erhebend und frustrierend wie das Zählen von Ringelgänsen an der Nordsee. Wer ein Hobby ausübt, darf sich währenddessen unberührt von den Erwartungen anderer fühlen, von den Ansprüchen, die man erfüllen zu müssen glaubt. Das Hobby ist sozusagen eine kultivierte, von anderen nicht übel genommene Form des Egoismus ohne höheres Ziel.

Sich die Reflexe abzutrainieren ist schwer. Ein Buch entdeckt – beim Verlag anfragen wollen – feststellen, dass genau dies den Zielen zuwider läuft – denken *Mist* – und ab in den Amazon Warenkorb oder auf die Wunschliste. Letztere habe ich nun nach Monaten der Erscheinungsdatum der Bücher organisiert. So ca. 300 Euro / Monat gehen, was im September locker gerissen wird, wenn alle Verlage ihre Neuerscheinungen auf den Markt werfen. Andererseits muss ich auch nicht an die 20-30 Bücher bestellen, sondern kann die auf andere Monate umverteilen, lesen kann ich sie ohnehin nicht alle auf einmal.

Es wird sich hier also eine Menge mit dem Ende der Herbstsaison 2018 auf diesem Blog ändern: Die Belletristik wird älter, denn diese ist mir mit Ausnahme von wenigen Autoren nicht das Geld wert. (Auch wenn es zahlreiche Autoren sind, die ich bereit bin zu kaufen.) Sachbuchlastiger wird es ab Januar wohl auch werden. Ich weiß von den Statistiken her, dass eigentlich nur die neuste Belletristik interessant ist und Sachbücher eher gemieden werden. Aber noch weniger als den Verlagen bin ich den Lesern auf diesem Blog verantwortlich, denen ich kostenlosen Content bereitstelle. Dass liest sich rauer als es gemeint ist und ich freue mich über jeden, der hier weiterhin mitliest, liked und vielleicht sogar diskutiert. Ihr seid mir wertvoll. Aber ich habe keine Kraft mehr, mich zwischen verschiedenen Ansprüchen zu zerreißen und am Ende selbst zu kurz zu kommen. Und das Gefühl habe ich zur Zeit massiv, auch wenn mir vollkommen klar ist, dass niemand von euch an mich herantritt und mich zwingt, das Neuste vom Neusten zu lesen, das mache ich immer noch selbst. Genau, wie mir klar geworden, dass ich mich nicht mehr von World of Warcraft drangsalieren lassen möchte. (Zumindest vorerst nicht, Suchti halt.)

Aber dieses Blog wird werden, wie mein Twitter-Account jetzt schon ist, bei dem es mich jedem Aufruf aufs Neue wundert, dass ihm überhaupt jemand folgt: Mein Ding, komplett. Verantwortlich gegenüber niemanden.

-Tut mir leid, wenn das alles ein wenig wirr klingt, aber ich musste mir das einfach von der Seele schreiben und der Artikel in der Zeit * Hobbys – Die Anarchie der freien Zeit* , aus dem auch die Zitate stammen, war dazu der Anlass.-

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