Aus der Amazon.de-Redaktion
Michael Faber ist ein Autor des Zwischenreichs. Einen Bahnhof in den schottischen Highlands hat er sich zur nebulösen Wirkstätte erkoren: Hier schaut er den Reisenden in ihren Zügen nach, und tröstet sein melancholisches Gemüt mit dem Gedanken, immer auch wegfahren und seine Ehefrau Eva verlassen zu können. Die Reisenden aber, die vom Zug in sein Fenster schauen, finden innen das totale Chaos vor.

Chaotisch und dunkel muss es auch aussehen in Michael Fabers Seele, denn er hat ein Buch geschrieben, dass so schaurig-schön ist, dass es einem die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Es handelt von Sugar, vornehm ausgedrückt: einer Prostituierten, die sich seit ihrem 13. Lebensjahr vor dem Sperma ihrer Freier ekelt. Dann lernt Sugar den ebenso wohlhabenden wie naiven Fabrikantensohn William Rackham kennen, der ihr ein Leben in Luxus bietet, wenn sie ihrem Hurendasein entsagen will und ganz für ihn dazusein verspricht. Sugar sagt zu, da sie die Chance ihres Lebens wittert, merkt aber bald, dass sie in diesem goldenen Käfig nicht glücklich werden kann.

Drastisch schildert Faber das Leben Sugars im viktorianischen London, mit viel Sinn für opulente Beschreibungen und sozialkritische Details. Als neuen Dickens hat man ihn deshalb gefeiert, als das englische Original des Buches herauskam, was keinem der beiden Autoren gerecht werden kann. Denn Das karmesinrote Blütenblatt ist kein David Copperfield, sondern einfach nur ein dicker, spannender, schwelgerischer Schmöker aus dem dunklen doppelmoralischen englischen Zwischenreich. Und das ist mehr, als man von vielen anderen Romanen sagen kann. –Stefan Kellerer — Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung
London 1874: William Rackham, glückloser und zu Müßiggang neigender Erbe eines Parfümimperiums, trifft auf Sugar, die das Schicksal der anderen Huren der Stadt teilt. Und doch strahlt sie etwas aus, das sie über die anderen erhebt und ihr den Luxus erlaubt, mit nur einem Liebhaber am Tag ihr Auskommen zu finden. Auch William Rackham verfällt ihren Künsten, so sehr,dass er Sugar fast zum Verhängnis wird.

Ein erotischer Roman, der meisterhaft mit den Mitteln der erzählerischen Verführung spielt – vor allem aber eine unvergessliche Geschichte um die Hoffnungen und Täuschungen der Liebe.

Zu allererst: Es ist kein erotischer Roman. Sicherlich ist der Sprache manchmal etwas drastisch, aber ich denke, da wird es wesentlich härteren Stoff geben wird. Die Sprache erinnert an die Sprache von Charles Dickens und seinen Zeitgenossen, passt sich also wunderbar der Zeit des vikorianischen Zeitalters an. Am Anfang kam es mir sehr schwülstig vor, da der Leser andauernd direkt angesprochen wird, aber das gibt sich oder man gewöhnt sich daran. Ich mag solch einen Schreibstil ohnehin sehr gerne.

Die Figuren sind bis in kleinste Nebenrollen exellent beschrieben, lebendig, ich kam mir vor, wie in einem opulenten Kinofilm. Präzise werden die Lebensumstände der verschiedenen Schichten Londons beschrieben, von der kleinen Hure bis zum Großbürgertum. Auch der Aufstieg Sugars zur Mätresse eines Fabrikanten war glaubwürdig geschildert. Als sie in seinem Haus die Tagesbücher der Ehefrau in die Hände bekommt, werden deren Hintergründe ganz natürlich geschildert.

Insgesamt ist das Buch eines der perfektesten Bücher – tja, wenn das Ende nicht wäre. Dieser Schluß – genauer gesagt: Der nicht vorhandene Schluß – ruiniert das Lesevergnügen noch nachträglich. Schade.

# Broschiert: 1055 Seiten
# Verlag: List Tb.; Auflage: 1 (November 2004)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3548604781
# ISBN-13: 978-3548604787
# Größe und/oder Gewicht: 18,4 x 12,6 x 4,4 cm

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