Julius Winsome hat den Schuss gehört. Zumindest glaubt er das, denn in den Wäldern von Maine ist kurz vor Winteranbruch Jagdsaison – es hätte also auch jeder andere Schuss gewesen sein können. Sein geliebter Pitbullterrier Hobbes jedenfalls schafft es gerade noch, sich 500 Meter zu ihm hin zu schleppen, bevor er an der aus nächster Nähe kaltblütig in seinen Rücken gefeuerten Schrotflintenladung zugrunde geht. Kurzerhand nimmt Winsome, der in der Einsamkeit mit seinen geerbten Büchern und den antiquierten Worten Shakespeares lebt, sein ebenfalls geerbtes Scharfschützengewehr und macht seinerseits Jagd auf die Jäger. Drei von ihnen erlegt er sofort – auch wenn keiner von ihnen mehr sagen kann, ob er tatsächlich Hobbes’ Mörder war.

„Als ich wieder in der Hütte war und das Feuer schürte, spürte ich zum ersten Mal, dass er mir fehlte, und dieses Gefühl versetzte meinem Herz einen schrecklichen Schlag, denn auf einmal begriff ich die wahre Bedeutung des Wortes ‚tot’. Es bedeutet, dass niemand sieht, wie man lebt und was man tut.“ Es sind melancholische, tieftraurige und psychologisch raffinierte Passagen wie diese, die den stillen, kalten und dennoch herzerwärmenden Roman Winter in Maine des irischen Autors Gerard Donovan zu einem Meisterwerk werden lassen. Von Einsamkeit handelt das Buch, von zerstörtem Glück und Liebe zur Kreatur, aber auch von grausamer Rache und der Verzweiflung eines Mörders, der dank der Ich-Perspektive zur Identifikationsfigur des Lesers wird. So eindringlich hat man von diesen menschlichen Schicksalsthemen Shakespeare’schen Ausmaßes lange nicht mehr gelesen.

Gerard Donovan (* 1959 in Wexford, County Wexford) ist ein irischer Schriftsteller, dessen Roman „Winter in Maine“ 2008 von der Zeitung The Guardian zum „Buch des Jahres 2008“ gekürt wurde.
Nach Kindheit und Jugend in Galway studierte Donovan in Irland Philosophie und Germanistik. Nach seinem Abschluss zog er nach Deutschland, wo er zuerst in einer Käsefabrik arbeitete und dann an der Technischen Universität Hannover beschäftigt war. Er kehrte nach einiger Zeit Anfang der 1980er-Jahre nach Irland zurück und studierte in dessen Hauptstadt Dublin sieben Jahre lang die klassische Gitarre. In der Folgezeit verdiente er sich als Musiker mit Schwerpunkt Johann Sebastian Bach etwas Geld. An der Johns Hopkins University in Baltimore legte er in den 1990er-Jahren den Master ab. Seitdem lehrt er an einem College in Long Island.[1]

Anfang der 1990er-Jahre begann er auch seine literarischen Arbeiten und veröffentlichte den ersten Gedichtband „Columbus Rides Again“. Zudem publizierte er verschiedene Kurzgeschichten. Sein erster Roman „Schopenhauer’s Telescope“ erschien 2003 in Englisch. Ins Deutsche wurde bisher nur sein drittes Buch „Julius Winsome“ („Winter in Maine“) übersetzt.

Mit seinen Brüdern nahm er am „Marathon des Sables“ in Marokko teil. Heute lebt er in New York City.

Wikipedia

Das große Lob, dass dem Buch überall entgegenschlug, konnte ich nicht nachvollziehen.

Der Protagonist lebt ein ideales Leben zurückgezogen weitab menschlicher Siedlungen in einem Haus voller Bücher und wird sich der Einsamkeit bewusst, als sein Hund ermordet wird.
Ich weiß, dass der verzweifelste Tag meines Lebens der Todestag meines Hundes war und obwohl dies über 7 Jahre her ist, weine ich oft noch, wenn ich an ihn denke. Auf eine gewisse Weise wurde auch er ermordet, und zwar durch die Spritze des Tierarztes, wobei ich mich weniger deswegen schuldig fühle, als das seit diesem Tag das Gefühl an mir nagt, ihn verraten zu haben; tatsächlich hat sie mich noch versucht zu trösten (obwohl sie vor lauter Beruhigungstabletten nicht mehr aufstehen konnte und es ihr vermutlich wirklich schlecht ging), aber ich war nicht in der Lage diese Trost anzunehmen, sodass sie sich frustriert abwendete. Ich werde diese unglaubliche Schuld ihr gegenüber nie abtragen können und ich kann nur hoffen, dass sie es mir verzeiht. In mir ist an diesem Tag etwas zerbrochen, was sich nie wieder wird kitten lassen.
Mir ist klar, welches Loch auch ein Tier hinterlassen kann, weil ich selbst noch mitten drin stecke und ich mir deswegen geschworen habe, mich nie wieder an irgendetwas oder irgendjemanden zu binden. Ich verstehe auch, welche Wut und Verzweiflung es auslösen muss, wenn der Hund ermordet wird. Sicherlich wäre es kein spannendes Buch gewesen, wenn der Protagonist einfach getrauert hätte. Aber deswegen selbst zum Mörder zu werden und wahllos Jäger umzubringen, die es gewesen sein könnten, scheint mir doch sehr weit hergeholt.

Fazit:
Die Themen Einsamkeit und Trauer wurden in dem Buch zugunsten eines Rachfeldzuges aufgegeben.

„Maine, der weiße Stern, der ab November leuchtet, herrscht über einen kalten Winkel des Himmels. Hier können nur kurze Sätze und lange Gedanken überleben: Wer nicht aus nördlichem Holz geschnitzt ist, der sollte im Winter nicht hier sein. Die Entfernungen werden riesig, die Zeit wird über den Haufen geworfen. (…) Leute besiegen den Winter, indem sie nächtelang lesen und die Seiten hundertmal schneller umblättern, als ein Tag vergeht, kleine Zahnräder, die während all dieser Monate ein größeres in Bewegung halten. Der Winter ist fünfzig Bücher lang und heftet einen an die Stille, wie ein aufgespießtes Insekt…“

Ich legte das Gewehr an die Schulter, schoss aus meinen achtzig Metern Entfernung, und die Kugel traf ihn in die Halsfalten. Er griff danach, als wäre es ein Insekt, drehte sich mit weit aufgerissenen Augen halb um und fragte sich, was passiert war.“

# Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
# Verlag: Luchterhand Literaturverlag (14. September 2009)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3630872727
# ISBN-13: 978-3630872728
# Originaltitel: Julius Winsome
# Größe und/oder Gewicht: 22,2 x 14 x 2,2 cm

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Winter in Maine ist ein exzellent geschriebener Roman (auch in der Übersetzung, die gerade bei Winsomes Sprachkreationen vor einigen Herausforderungen gestanden haben dürfte), in dem die Sprache fließt und sich dem Sujet anpasst, ohne selbstverliebt in den Vordergrund zu treten. Hier sitzt jedes Wort und überträgt in poetischer Gelassenheit die Geschichte eines Mannes, der eigentlich im Einklang mit sich und der Natur existiert. Bis er feststellt, das zwischen purer Existenz und bewusstem (Er)leben etwas wichtiges fehlt: das Gefühl irgendwohin und zu jemandem zu gehören; und nicht nur in einen Raum gezwängt zu sein, der zwar angefüllt ist mit Erzähltem, Gewesenem und Ausgedachtem, dem aber ein Gegenüber fehlt. Doch wo Liebe und Zusammengehörigkeit wachsen, sind auch die Schattenseiten Verlust, Hass und Tod nah. Und jene Ambivalenz lässt Julius Winsome irgendwann innehalten; in der Erkenntnis, dass gewesene Liebe eine aktuelle für jemand anderes ist, dass der Verlust eines Einzelnen nicht gleichbedeutend damit ist, dass die Welt verschwindet.

So ist jener Winter in Maine ein Neubeginn für Julius Winsome. Indem er (fast) alles verliert, findet er sich selbst. Das macht ihn nicht stärker, besser oder klüger. Es gibt ihm aber die Ruhe und die Kraft, sein eigenes Leben zu akzeptieren. Unbeeindruckt fällt der Schnee. Bedeckt die Wälder, Hütten, Leichen. Innen prasselt das Kaminfeuer. 3282 Bücher warten darauf gelebt zu werden.

Ein großartiger Roman. Auch wenn es latent absolutistisch klingt: Pflichtlektüre!

Krimi-Couch

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