Wie kam es, dass Martin Luther Mönch wurde, anstatt als Jurist Karriere zu machen? Welche inneren und äußeren Anfechtungen führten schließlich zum Bruch mit der Katholischen Kirche? Welche Position nahm Luther im Bauernkrieg ein? Und wie stand er zu den Juden?

In eindrucksvollen Bildern zeichnet Moritz Stetter wichtige Stationen im Leben des Reformators nach und ordnet sie in das Lebensgefühl und die politische Situation seiner Zeit ein.

Martin Luther begegnet nicht nur als Erneuerer und Theologe. Sichtbar wird auch der Mensch: von Zweifeln geplagt, von Entschlossenheit getrieben, Gemeinschaft suchend und – nicht zuletzt – das Leben genießend. So wird Geschichte lebendig.

Nach seiner graphic novel über den Theologen Dietrich Bonhoeffer widmet sich der Autor und Graphiker Moritz Stetter nun dem Leben Martin Luthers. In seinem typischen und extravaganten Zeichenstil beschäftigt er sich vor allem mit der Frage, warum ein tiefgläubiger Mönch anfing, an der römisch-katholischen Kirche zu zweifeln. Welche inneren Kämpfe führten schließlich zum Thesenanschlag und welche Auswirkungen hatte das auf Luthers Leben? Wie kam es, dass er ein Spielball von europäischen Fürstentümern wurde, die die Macht von Papst und Kaiser zurückdrängen wollten?

Ich kannte die Geschichte Martin Luthers nur in sehr groben Zügen – in der calvinistisch – reformierten Kirche spielt er keine Rolle und im Religionsunterricht war die Lehrerin zu sehr damit beschäftigt, uns einen politisch-korrekten Geifeffekt anzuerziehen, als wenn wir ein Haufen Pawloscher Hunde wären.***
Ich erinnere mich nur noch wie uns ein (Deutsch-?) den Luther-Satz *Warum rülpset und furzet ihr nicht?* erzählte, den wir alle ziemlich gut fanden. Ansonsten hatten wir einen Schulausflug zur Wartburg gemacht, von dem mir hauptsächlich in Gedächtnis blieb, dass die Lehrer die eingebürgerten Kinder nach hinten in den Bus setzten, weil sie befürchteten, dass die DDR-Grenzer mit farbigen Deutschen ihre Probleme haben könnten.
Die angenagelten Thesen rundeten bis zur Uni mein Wissen ab und auch dort habe ich mir nur das Notwendigste angelesen.
Umso schöner, dass dies nun einmal in unterhaltsamer Form wiederholt werden konnte.

Die Zeichnungen haben mir sehr gut gefallen, allerdings sind sie nicht, wie Cover und Rückteil suggerieren, farbig. Sie sind auch nicht detailliert, schaffen es aber, dass die Emotionen Luthers darzustellen. Sehr interessant war es, die Symbolik der Bilder zu betrachten, so werden die Jagdhunde nach seiner Flucht aus Worms auf S. 100 auf einmal mit der Kopfbedeckung des Adels dargestellt, welche einen Hasen reißen. Weniger verschlüsselt ist die Seite 36, auf welcher Martin Luther als einfacher, gläubiger Mönch nach Rom kommt, während der päpstliche Rom sich aller möglichen Laster hingibt. Für das, was Stetter in einem Bild dargestellt, dafür bräuchte ein Schriftsteller mehrere Seiten.
Auch sind die Grundlagen wie die Konstantinische Schenkung, der Verrat um Jan Hus sehr gut und verknappt erklärt.

Der Petersdom - erbaut mir den Gelder aus Ablaßbriefen, welche Martin Luther erzürnten. Fotograf: Wolfgang Stuck

Der Petersdom – erbaut mir den Gelder aus Ablaßbriefen, welche Martin Luther erzürnten.
Fotograf: Wolfgang Stuck

Weniger schön war dagegen, dass Stetter am Ende des Buches es nicht lassen kann, Martin Luther mit jemand wie Julius Streicher zu verknüpfen. Auch wenn einige davon nicht lassen können: Die (deutsche) Geschichte ist nicht das Zulaufen auf den Nationalsozialismus. Bereits in dem Buch über Friederich II. wird deutlich aufgezeigt, wie Geschichte immer manipuliert und gedeutet wurde, wie es gerade der aktuellen Mentalität passte. Wahrscheinlich wirkt deutsche Geschichte deswegen so unattraktiv, weil es ein absolutes Tabu ist, sie vorurteilsfrei zu betrachten – und das in einem angeblich freien Land.
Dass Stetter Luthers späte Reden gegen die Juden erwähnt ist in Ordnung. Aber ihn auf S. 140/141 gegen die Juden wettern zu lassen und auf S. 153 Julius Streicher als seinen Vollstrecker zu zitiert, ist unstatthaft.
Luther hat im 16. Jahrhundert gelebt und ist für den Nationalsozialismus genauso wenig verantwortlich wie wir für Kriege im Jahr 2500.

Es ist schade, dass dieser Schluss gewählt wurde, denn er zerstört das ganze Buch.

Fazit

Leider wurde mir das Buch durch den Schluss komplett verdorben. Das ist schade, denn die Beschäftigung mit dieser Graphic Novel lohnt durchaus, verlangt aber Zeit und Muße, um sich die Bilder richtig anzusehen.

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(Was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum Deutschland sich bezüglich Homeschooling über UN-Recht hinwegsetzt; die Kinder könnten sonst anfangen selbstständig zu denken.)

Moritz Stetter, geboren 1983, ist freiberuflicher Comiczeichner und Illustrator. Er hat an der Akademie für Kommunikation und an der Animation School Hamburg studiert. Nebenbei stellt er gelegentlich gern seine Werke aus und verdient sich sein Geld hinter diversen Tresen im Hamburger Nachtleben.

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Leseprobe

Broschiert: 160 Seiten
Verlag: Gütersloher Verlagshaus (28. Januar 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3579070541
ISBN-13: 978-3579070544
Größe und/oder Gewicht: 24,2 x 16,2 x 1,6 cm

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