Was für ein Geheimnis könnte das wohl sein, das die Lady Audley verbirgt? Dieses wunderschöne, zarte Geschöpf mit dem glockenhellen Lachen, das sämtliche Männer um ihren bezaubernden kleinen Finger wickelt und sich wohl in jeder Umgebung zu benehmen weiß? Keines, davon ist der Baron überzeugt, und obwohl er nicht mehr der Jüngste ist, hält er um die Hand dieses engelgleichen Wesens an und macht eine Frau von Stand aus ihr. Alles könnte gut sein. Er könnte mit seiner schönen Frau auf seinem Landsitz wohnen, zusammen mit seiner Tochter, und die gelegentlichen Besuche seines Neffen Robert Audley genießen. Robert, der ruhige, müßiggängerische Advokat, der in London lebt, ein Pfeifchen und ein Buch jederzeit einer Fuchsjagd vorzieht und kaum einmal einen Grund sieht, seinen phlegmatischen Lebensstil aufzugeben.

Doch dann ändert sich alles mit der Ankunft eines alten Freundes von ihm. George Talboys kehrt aus Australien zurück: die Taschen voller Geld, die er durchs Goldschürfen erwirtschaftet hat und auf der Suche nach jemandem, der ihm viel – nein, alles! – bedeutet. Und dieser George Talboys verschwindet plötzlich von einem Tag auf den anderen und Robert Audley sieht sich gezwungen, seinen gemütlichen Kamin zu verlassen und nach ihm zu suchen.

Kinross House, Schottland ___ JThomas - From this image at geograph.org.uk; transferred by User:Kurpfalzbilder.de using geograph_org2commons.

Kinross House, Schottland
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Am Anfang habe ich mit dem Krimi durchaus gefremdelt, weil der Leser im Grunde sämtliche Zusammenhänge auf den ersten 30 Seiten ahnt und danach weiß. Es geht also nur noch darum zu verfolgen, wie der Anwalt der Fährte seines Freundes folgt. Dementsprechend ist das Buch nach heutigen Maßstäben alles andere als spannend.

Das Setting ist typisch viktorianisch, die Standesunterschiede werden immer wieder thematisiert. Die Atmosphäre ist sehr düster und man fühlt den schneidenden Wind, der ums das alte Gemäuer pfeift, regengerecht.

Die Geschichte wurde wohl sehr stark gestrafft, zumindest gibt es eine Ausgabe mit 600 Seiten, diese hier hat 320 – ob es gut oder schlecht ist, dass die Hälfte herausgestrichen wurde, vermag ich nicht zu beurteilen.

Fazit

Ein schöner Krimi für einen Nachmittag.

Mary Elisabeth Braddon (1837–1915) gilt als erste viktorianische Bestsellerautorin. Kritiker wie Charles Dickens oder Thomas Hardy nannten ihre Werke „brillant, geistreich und lebendig“. M. E. Braddon war eine starke Frau, sie ernährte früh ihre gesamte Familie, stand eine Scheidung durch, lebte in skandalös wilder Ehe und schrieb über 80 Romane. Darin thematisierte sie auch gesellschaftlich heikle Themen wie Bigamie, Ehebruch, Abtreibung u.a. Anja Marschall ist Krimiautorin und lebte lange Zeit in London. Als bekennende Anglophile mit Faible für das 19. Jahrhundert machte sie den vergessenen viktorianischen Krimiklassiker mit ihrer Übersetzung und Überarbeitung für das heutige Publikum endlich wieder zugänglich. Im Dryas Verlag erschien von ihr „Fortunas Schatten“ und „Das Erbe von Tanston Hall“ im Goldfinch Verlag.

Broschiert: 336 Seiten
Verlag: Dryas Verlag; Auflage: 1 (September 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3940855472
ISBN-13: 978-3940855473
Originaltitel: Lady Audley’s Secret
Größe und/oder Gewicht: 12,1 x 2,5 x 19 cm

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