Frauen hinter der Kamera sind meist doppelt unsichtbar: Zum einen stehen stets ihre Motive im Fokus, zum anderen verdeckt der lange Schatten ihrer dominanten männlichen Kollegen oft die Größe ihres Werkes. Und doch ist die Geschichte der Fotografie auch eine Geschichte der Fotografinnen. Frauen eroberten sich dieses künstlerische Feld von Anfang an und trugen Wesentliches zu seiner Entwicklung bei. Der weibliche Blick auf die Welt ist ein anderer als der männliche – diese vermeintliche Binsenweisheit belegen die in diesem Band vereinten Fotografinnen mit ihren Arbeiten auf vielfältige, berührende und faszinierende Weise. 55 Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten und von fünf Kontinenten werden porträtiert, darunter so berühmte Namen wie Eve Arnold, Claude Cahun, Cindy Sherman oder Herlinde Koelbl, aber auch bislang weniger bekannte Künstlerinnen wie Zanele Muholi aus Südafrika oder Shirana Shahbazi aus Teheran. Jede Fotografin wird mit einem kenntnisreichen und zugleich leicht lesbaren Text zu ihrem Leben und Werk sowie zwei bis vier repräsentativen Abbildungen ihres Schaffens vorgestellt – eine Weltgeschichte der Fotografie aus weiblicher Sicht.

Das Buch hat mir aus mehreren Gründen Bauchschmerzen bereitet:

1.) Habe ich das Gefühl der Unvollständigkeit, weil Leni Riefenstahl nicht aufgeführt ist. Sicherlich war ihre Rolle im Dritten Reich aus heutiger Sicht inakzeptabel, aber genau das hätte man nutzen können, um sich im Rahmen des Themas mit Propagandafotographie auseinandersetzen. Kunstgeschichte berührt nun einmal auch unangenehme Themen und diese sollte man auch thematisieren. Ob weitere Photographinnen aus ähnlichen Gründen nicht erwähnt werden, weiß ich nicht. Gerda Taro, welche den Spanischen Bürgerkrieg fotografisch dokumentierte, ist ebenfalls nicht vertreten.

(Nachtrag: Ich hatte aufgrund der Rezension ein sehr nettes Gespräch mit dem Autor, in welchem er mir erklärte, dass eine Aufnahme aus rechtlichen Gründen und teilweise zu hohen Lizenzforderungen nicht möglich war.)

Nicht vertreten: Gerda Taro in Spanien, Juli 1937

Nicht vertreten: Gerda Taro in Spanien, Juli 1937

 

2.) Die Portraits der Künstlerinnen sind eher dazu geeignet, Neugierde auf die Fotografin zu wecken und weiter nachzulesen. Lewis Carolls berühmte Kritik an dem Werk Julia Margaret Camerons , dass ihr Bilder zu unscharf sein und ihre Replik * What is focus and who has the right to say what focus is the legitimate focus? (1864) hätten in der Vorstellung zitiert werden sollen.

Julia Margaret Cameron: "Mrs Herbert Duckworth", 1867, Albuminpapier auf Karton, 35 x 27,1 cm (Städel Museum, Frankfurt am Main/Foto: Städel Museum – ARTOTHEK/Eigentum des Städelschen Museums-Verein e.V.)

Julia Margaret Cameron: „Mrs Herbert Duckworth“, 1867, Albuminpapier auf Karton, 35 x 27,1 cm (Städel Museum, Frankfurt am Main/Foto: Städel Museum – ARTOTHEK/Eigentum des Städelschen Museums-Verein e.V.)

3.) Es fehlt dem Buch an Struktur, zeitgenössische Künstlerinnen stehen unsortiert neben viktorianischen,

4.) Mit dem Literaturverzeichnis lässt sich sehr schlecht arbeiten, denn es ist alphabetisch nach Autoren geordnet. Übrig bleibt ein Buch, welches man durchblättert, um sich soweit neugierig zu machen, um sich dann andersweitig kundig zu machen.

Fazit

Wer sich für die Geschichte der Fotographie und dort speziell mit Fotographinnen, ich stehe den Genderwahn sehr skeptisch entgegen, ist mit dem Buch gut bedient. Seine Berechtigung zieht das Buch sicherlich daraus, dass die meisten Bücher über Fotographiegeschichte eher die technischen Blickwinkel behandeln, diese werden durch dieses Buch um den menschlichen Aspekt ergänzt.

Boris Friedewald, geboren 1969, studierte Kunstgeschichte, Pädagogik und Theaterwissenschaften. Er arbeitet als freiberuflicher Kunsthistoriker und Autor in Berlin. Bei Prestel veröffentlichte er bisher Bücher zum Bauhaus und zu Paul Klee.

Leseprobe

Gebundene Ausgabe: 240 Seiten Verlag: Prestel Verlag (24. März 2014) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3791346733 ISBN-13: 978-3791346731 Größe und/oder Gewicht: 21,9 x 2,5 x 27,7 cm 3

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