New York, 1929: Mit neun Jahren verliert Vivian Daly, Tochter irischer Einwanderer, bei einem Wohnungsbrand ihre gesamte Familie. Gemeinsam mit anderen Waisen wird sie kurzerhand in einen Zug verfrachtet und in den Mittleren Westen geschickt, wo die Kinder auf dem Land ein neues Zuhause finden sollen. Doch es ist eine Reise ins Ungewisse, denn nur die wenigsten von ihnen erwartet ein liebevolles Heim. Und auch Vivian stehen schwere Bewährungsproben bevor … Erst viele Jahrzehnte später eröffnet sich für die inzwischen Einundneunzigjährige in der Begegnung mit der rebellischen Molly die Möglichkeit, das Schweigen über ihr Schicksal zu brechen.

Eine Szene, wie sie in dem Buch stattfindet (1911). Quelle: Old Picture of the Day

Eine Szene, wie sie in dem Buch stattfindet (1911). Quelle: Old Picture of the Day

Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen, hauptsächlich wird die Geschichte der inzwischen 94jährigen Vivian geschildert, welche zur Waise wird und von verschiedenen Familien ausgebeutet wird. Auf der anderen Ebene wird die Geschichte der 17jährigen Molly geschildert, welche Schwierigkeiten mit ihrer Pflegefamilie hat und Vivian beim Ausräumen ihres Dachbodens hilft – wenn auch nicht ganz freiwillig.

 Kinder bei der Baumwollernte in den 1910er Jahren. Quelle: Old Picture of the Day


Kinder bei der Baumwollernte in den 1910er Jahren. Quelle: Old Picture of the Day

Die Geschichte funktioniert auf mehreren Ebenen hervorragend. Am Augenscheinlichsten ist das Leiden der Waisen, die wie Vieh nach Belieben neue Namen bekamen und nach Arbeitstauglichkeit von ihren neuen *Familien* ausgesucht worden waren. Dann ist dort die aufkeimende Freundschaft neben der alten Dame und Molly und letztendlich die der Doppelmoral vieler christlicher Familien, die nach außen sich alle Mühe geben als angesehene Mitglieder der Gemeine zu fungieren und nach innen die Adoptivkinder drangsalieren. (Ein solchen Fall hatten wir auch einmal im Ort: Beide im Kirchenvorstand und sehr engagiert. Zuhause wurde dem Adoptivkind gesagt, wenn es nicht gehorchen würde, dann gäben sie es zurück. Er hat als Jugendlicher Selbstmord begangen.)

Kinder als Arbeiter in einer Baumwollfabrik. Quelle: Old Picture of the Day

Kinder als Arbeiter in einer Baumwollfabrik. Quelle: Old Picture of the Day

Das Buch lässt sich sehr gut lesen und gleitet trotz der bewegenden Handlung nie ins Rührselige ab. Im Anhang wird noch Material zum Thema bereitgestellt.

Fazit

Ein sehr bewegender Roman über Waisen in den 1910er und heute, der sich gut lesen lässt und zum Nachdenken anregt.

Leseprobe

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (10. November 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 344231383X
ISBN-13: 978-3442313839
Originaltitel: Orphan Train
Größe und/oder Gewicht: 14,5 x 3,4 x 22,1 cm

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