Welches Bild haben Banker von sich selbst und vom Rest der Gesellschaft? Luyendijks Buch brilliert mit seinem unbestechlichen anthropologischen Blick und bringt dadurch auf beispiellose Weise Licht in ein undurchsichtiges System. Dafür hat er umfangreiche Recherchen betrieben und unter anderem Hunderte Interviews mit Investmentbankern, Angestellten aus Rechts- und Risikoabteilungen, Rating-Agenturen, IT und HR sowie mit Kontrolleuren, Headhuntern und Therapeuten geführt. So erzielt er das, was oft eingeklagt, aber selten eingelöst wird: Transparenz in einem System, das eine Blaupause für kurzsichtiges Denken, schnellen Profit, Missbrauch und lukrative Verantwortungslosigkeit ist. Doch, so Luyendijks These, nicht der Mensch Banker ist verkommen, sondern das System. Eine aufschlussreiche, packende und schockierende Innenansicht der Finanzwelt, die zwingend benötigt wird.

Aus dem Artikel *Frankfurter Börse*, eigenes Foto

Das Buch, welches dem Blog The Joris Luyendijk banking blog entsprungen ist, hat mich sehr beeindruckt.

Gerade weil es nicht in das zeitgeistigen Banker-Bashing einstimmt, sondern den Druck, den die Leute in der Finanzbranche ausgesetzt sind, nachfühlbar macht. Vor allem in der City of London, wo es im Gegensatz zu Deutschland keinen Kündigungsschutz gibt und oft ganze Teams gefeuert werden. Damit dann, bei Unterbesetzung im nächsten Monat, zwei Teams und mehr eingestellt werden. Eigentlich hatte ich das Gefühl, dass sich die wenigsten Interviewten wirklich wohl fühlten, aber auch nicht aufhören konnten, weil die Zahlungsverpflichtungen so hoch waren, dass sie Gefangene des Systems waren.

Sehr wohltuend wird auch aufgezeigt, dass es das System an sich ist,
welches falsch ist und (zum großen Teil) nicht die einzelnen Bankangestellten, die sich darin eingerichtet haben und versuchen, darin zu überlegen. Ich fand auch die Selbstreflexion über die Gehälter und die Arbeit an sich recht erstaunlich, allerdings werden sich für die Interviews auch eher Leute gemeldet haben, die selbstreflexiv sind.

„Unidentified in the City of London 22“ von Хомелка - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Unidentified_in_the_City_of_London_22.JPG#/media/File:Unidentified_in_the_City_of_London_22.JPG

„Unidentified in the City of London 22“ von Хомелка – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Unidentified_in_the_City_of_London_22.JPG#/media/File:Unidentified_in_the_City_of_London_22.JPG

Letztendlich kann ich es niemanden verdenken, wenn er ausschließlich egoistisch handelt. Wenn ich die Bankenszene mit der Gesellschaft in World of Warcraft vergleiche: Durchgekommen und erfolgreich waren diejenigen, die andern Erze oder Kräuter wegstahlen oder anderweitig über den Tisch zogen. Meins war es nie, und wenn ich versuchte mich anzupassen, habe ich mich dabei immer sehr unwohl gefühlt. Inzwischen habe ich das abgelegt, nach 8,9 Jahren in dem Spiel wird man eben so. In einem Haifischbecken heißt es eben fressen oder gefressen werden, Eve Online soll noch härter sein. Und genau diese Entwicklung beschreibt der Autor anhand einer Freundin, deren Partner bei einer Bank anfing: Er begann sich in kürzester Zeit zu verändern und das nach ihrem Empfinden nicht gerade zum Positiven. Es gibt Szenen, in denen kann man seine dunklen Seiten entdecken und das, wozu man wirklich fähig ist. Ich habe nur nicht wieder geschafft, diese Seiten einzufangen, sie haben sich eingenistet, fühlen sich wohl und sehen gar nicht mehr ein, in die zweite oder dritte Reihe zu treten. Ich will das auch gar nicht. WoW hat so eine Szene, Eve Online sicherlich auch und sie Bankenszene gehört vielleicht in Teilen auch dazu.


Fazit

Ein sehr interessantes Buch, welches die verschiedenen Level einer Bank zeigt und die Menschen vorstellt, die in diesem System leben.

Passend zu meiner Leküre stellt Buchwolf das Theaterstück Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman. Schauspiel. vor.

Joris Luyendijk, geboren 1971, studierte Arabistik und Politik in Amsterdam. Er arbeitet als Journalist und Sachbuch-Autor. Er war der jüngste Korrespondent, der je aus dem Nahen Osten berichtet hat, und gilt als einer der wichtigsten europäischen Fachleute für den Nahost-Konflikt. 2011 zog Luyendijk nach London, von wo er für den »Guardian« aus der Innenwelt des Bankenwesens berichtete.

Verlagsseite mit Leseprobe

Gebundene Ausgabe: 267 Seiten
Verlag: Tropen; Auflage: 1., Aufl. (23. Mai 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3608503382
ISBN-13: 978-3608503388
Originaltitel: Dit kan niet waar zijn
Größe und/oder Gewicht: 13,4 x 3 x 21,2 cm

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