Was heute Dating- Apps, Tauschbörsen, Finanzmakler, Jobcenter und Carsharing- Anbieter übernehmen, leistete früher eine einzige Institution: das Adressbüro. Wer im 17. Jahrhundert etwas kaufen oder verkaufen wollte, Arbeit, Wohnung, ein Hausmädchen oder einen Arzt suchte oder zu vermitteln hatte, konnte dort sein Anliegen gegen Gebühr in ein Register eintragen lassen oder Auszüge aus diesem Register erhalten. Solche Adressbüros gab es in vielen europäischen Städten, etwa in London die registry oder das intelligence office, in der Habsburgermonarchie die Frag- und Kundschaftsämter und in anderen deutschsprachigen Städten Adresscomptoirs und Berichthäuser. Anton Tantner schreibt eine Ideengeschichte des Sammelns, Organisierens und Weitergebens von Informationen und Wissen aus der Perspektive unserer Gegenwart, in der wir ohne google kaum mehr leben können, social media scheinbar alles und andererseits Datenschutz ein zentrales Thema ist. Dass man aber die richtige Form für das Vermitteln von Information kaum unterschätzen kann, beweist Tantners eigener, bisweilen vergnügt erzählender Stil.

Kontoristen oder Commis 1894 bei ihrer Arbeit (1)

Kontoristen oder Commis 1894 bei ihrer Arbeit
(1)

Es ist erstaunlich, über was ich mir noch nie Gedanken gemacht haben – z.B. wie man es in einer Welt ohne Zeitungen (oder einer, in der nur die gehobene Gesellschaft sie las), Interessenten zueinander fanden. Was nützt es, wenn man einen Bauernhof zu verpachten hat, der Bauer davon aber nichts weiß? Oder wenn der Bauer Waren hat, von denen er nicht weiß, dass sie in den Städten begehrt sind?

Genau dort setzten zuerst in Paris und London, danach Wie und Berlin die Adressbüros an: Sie brachten Angebot und Nachfrage zusammen, vermittelten Arbeitskräfte (allerdings nur Männer), brachten Vorlesungsverzeichnisse heraus und vermittelten Kenntnisse.

Diese Entwicklung wird anhand verschiedener Länder (Frankreich, Großbritannien und die deutschsprachige Welt) gezeigt. Und da setzt auch mein Kritikpunkt an dem Buch an: Dadurch, dass alle die gleichen Dienste anboten, wird es für den Leser irgendwann ziemlich langweilig, die gleiche Geschichte und die fast gleichen Angebote zu einmal zu lesen

Auch fehlt mir die Beschreibung des Alltages im Kontor. Ein großes Plus sind dagegen die ausführlichen Quellenangaben und Literaturhinweise.

Fazit

Interessant, aber leider auch sehr redundant.

Anton Tantner, geboren 1970, studierte Geschichte und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien, wo er heute als Historiker lehrt. Vor den Adressbüros beschäftigte er sich intensiv mit der Geschichte der Volkszählung und der Hausnummern.

Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Wagenbach, K; Auflage: 1 (27. Januar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3803136547
ISBN-13: 978-3803136541
Größe und/oder Gewicht: 13,6 x 2 x 22,1 cm

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(1) „Pincerno – Commis im Kontor vor 1894“ von unbekannt, vor 1894 – Chronik Hamburg, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh/München, 2. Auflage 1997, S. 300, ISBN 3-577-14443-2. Lizenziert unter PD-alt-100 über Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pincerno_-_Commis_im_Kontor_vor_1894.jpg#/media/File:Pincerno_-_Commis_im_Kontor_vor_1894.jpg

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