In Zeiten von Google Earth sind weiße Flecken auf der Landkarte kaum mehr vorstellbar. Was aber wussten die mittelalterlichen Menschen von der Welt? Was wussten sie von ihrer Beschaffenheit, ihren Völkern, deren Schätzen und Wundern, was von der Natur? Wie also war das Weltbild des Mittelalters, und wie änderte es sich? Anhand von neun prominenten Gelehrten, Kartographen und Reisenden rekonstruiert Folker Reichert, der wohl beste deutsche Spezialist zum Thema, das mittelalterliche Weltbild. Aus der Perspektive von Isidor von Sevilla im 7. Jahrhundert über Vinzenz von Beauvais im 13. Jahrhundert bis zu Sebastian Münster an der Schwelle zur Neuzeit nähert er sich dem jeweiligen Weltwissen der Zeit an. Die Geschichte des Reisens und der Entdeckungen, Wissenschaftsgeschichte und die Geschichte der Kartographie werden hier zusammengeführt zu einer großen Gesamtschau vormoderner Weltbilder.

Jerusalem auf der Mosaikkarte von Madaba (1)

Jerusalem auf der Mosaikkarte von Madaba (1)

Für wen das Buch nichts ist: 1.) Für Leser, die keine Vorkenntnisse in mittelalterlicher Geschichte haben. 2.) Für Leser, welche sich nicht für Historische Kartographie interessieren.

Allen anderen öffnet sich ein Schatz über die geographischen und topologischen Kenntnisse von der Antike und des Mittelalters. Der Autor erklärt anhand einzelner Karten ganz genau, warum einzelne Karten gar nicht die Wirklichkeit abbilden sollten – und sich trotzdem gut mit ihnen arbeiten ließ.

Auschnitt der Tabula Peutingeriana. Obwohl sie nicht die Wirklichkeit abbildete, ließen sich mit ihr die Abstände und damit die Reisezeit zwischen verschiedenen Zielen berechnen. (2)

Auschnitt der Tabula Peutingeriana. Obwohl sie nicht die Wirklichkeit abbildete, ließen sich mit ihr die Abstände und damit die Reisezeit zwischen verschiedenen Zielen berechnen. (2)

Auch belegt der Autor, dass zumindest in den gebildeten Schichten des Mittelalters das Wissen vorherrschte, dass die Erde rund ist. Als Beispiele nennt er die Beobachtungen von Mondfinsternissen, die Beobachtungen von Seefahrern, ein Gedankenexperiment, bei dem zwei Männer in entgegengesetzter Richtung loslaufen und sich treffen müssten (Französische Nationalbibliothek, Ms. francais 574, fol 42r) – und den Reichsapfel, welcher die Herrschaft über den Erdball symbolisiert.

Der Reichsapfel des Heiligen Römischen Reiches (3)

Der Reichsapfel des Heiligen Römischen Reiches (3)

Zwei gesonderte Kapitel widmen sich der Mongolei und China, wie sich wahrgenommen wurden und ihre Einflüsse auf Europa.

Fazit

Ein sehr reichhaltiges Buch, welches allerdings Vorwissen voraussetzt und die Bereitschaft, sich auf das recht spezielle Thema einzulassen.

Prof. Dr. Folker Reichert, geb. 1949, lehrte Mittlere Geschichte an der Universität Stuttgart. Er ist einer der besten Spezialisten für die Geschichte des Reisen, der Entdeckungen und der Fremdwahrnehmung im Mittelalter.

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Primus (Oktober 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3863123700
ISBN-13: 978-3863123703
Größe und/oder Gewicht: 22,5 x 2 x 29,7 cm

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(1) „Madaba BW 8“ von Berthold Werner – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Madaba_BW_8.JPG#/media/File:Madaba_BW_8.JPG
(2) „Part of Tabula Peutingeriana“ von unkwon – Bibliotheca Augustana with permissions. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Part_of_Tabula_Peutingeriana.jpg#/media/File:Part_of_Tabula_Peutingeriana.jpg
(3) „Weltliche Schatzkammer Wien (200)“ von MyName (Gryffindor) – Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Weltliche_Schatzkammer_Wien_(200).JPG#/media/File:Weltliche_Schatzkammer_Wien_(200).JPG

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