13-jährige Kinder, die Jahre in Isolationshaft verbringen müssen, willkürliche Verhaftungen und rassistische Vorurteile durch Polizei und Justiz oder Menschen mit psychischen Erkrankungen, die im Gefängnis jahrzehntelang vegetieren: Diese Geschichten sind Alltag in den USA. Der charismatische Jurist Bryan Stevenson, der den allgegenwärtigen Rassismus auch aus eigenem Erleben gut kennt, gibt diesen erschütternden Fällen aus Amerikas Gerichtssälen und Todeszellen eine Stimme. Er vertritt Menschen, die keinen oder nur pro forma einen Rechtsbeistand erhalten. Fast wie ein Thriller lesen sich die Fälle, in denen er dafür kämpft, unschuldige Menschen aus der Todeszelle herauszuholen. Ein notwendiges Buch, das den Rassismus einer Gesellschaft und das Versagen eines Strafsystems anprangert – und erschreckende Einblicke in die amerikanische Gesellschaft gibt.

 Bath In Woes, eigenes Bild, leider nicht farbecht.


Bath In Woes, eigenes Bild, leider nicht farbecht.

Es hätte ein hervorragendes Buch sein können – wenn der Autor nicht versucht hätte, gegen Ende die Straftaten, gerade auch von Kindern und Jugendlichen zu verniedlichen.

Mir ist es selbst schon auf dem Weg ins Fitnessstudio (im Industriegebiet!) passiert, dass 10-13jährige *Kinder* die Autofahrer überfallen haben. Schon vor 20 Jahren ein ähnliches Spiel, als 17-20jährige den BMW meiner Mutter (mit uns drinsitzend) durchschüttelten – so viel zu dem Geseire des Autors, dass das aus kriminellen Jugendlichen durchaus brauchbare Erwachsene werden können. Wenn ich im Nachbarort einkaufen gehen, was ich grundsätzlich nur im Sommer mache, weil es dann nicht anders geht, kann ich gegenüber vom Starkenburg-Ring bei 10 Malen 7-8mal einen Ladendiebstahl beobachten. Ab und zu wird ein Kaufhausdetektiv zusammengeschlagen, in bestimmten Milieus ist das auch Normalprogramm. Genau wie 13jährige (ab und zu auch mal älter), die serienweise Autos stehlen und auf ihrer Facebook-Seite dafür bejubelt werden. Oder Einbrecher, die gerade aus dem Gefängnis gekommen sind, und gleich wieder zuschlagen.

Wenn alle dort hinkämen, die dort hin gehörten, würde die Baubranche zur Goldgrube. Viele brauchen *Three strikes and you are out* - und vor allem braucht die Gesellschaft das.(1)

Wenn alle dort hinkämen, die dort hin gehörten, würde die Baubranche zur Goldgrube. (1)

Ja, es macht mich wütend, wenn Leute wie der Autor von sich geben, es wäre nur den Umständen geschuldet, wenn den Leuten Handys aus der Hand geschlagen und Autos aufgebrochen werden (Quelle: OP-Online). Dass es Menschengruppen gibt, die überwiegend nichts taugen und deswegen auch in Gefängnissen überrepräsentiert sind, können sich diese Gutmenschen nicht durchringen. (Und ja, es macht mir Angst, dass jetzt massenweise noch mehr Abschaum einwandert. Ich habe in irgendeiner Zeitung mal gelesen, dass in Berlin die Vergewaltigungsraten gewaltig gestiegen sein sollen.)

Genau wie ich nicht seine Meinung teile, dann man bei Jugendlichen das Jungendstrafrecht anwenden sollte, oder dass es überhaupt ein Jugendstrafrecht geben sollte. Gesindel muss man wie Gesindel behandeln, egal welchen Alters es ist, sonst lacht es nur.

Ich finde die Ansätze der letzten 20-30 Seiten sehr schade, da sie für mich das ganze Buch zerstören. War ich den Rest des Buches empört über das Justizsystem der USA, so war ich am Ende des Buches wütend auf den Autor. Ich kann dieses *Mitleid für den Täter*, während die sich halb tot lachen und dieses *Das können trotzdem tolle Menschen werden*. nicht mehr hören (und lesen).

Ansonsten kann man das Buch allen USA – Fans empfehlen, die die Wahrheit über ihr bevorzugtes Land erfahren wollen. Zeitweise kam mir der Gedanke, dass es wahrscheinlich angenehmer ist, im Sudan vor Gericht zu sitzen, zumindest wenn man zur unterprivilegierten Schicht gehört. Beweise, die von der Staatsanwaltschaft vernichtet werden, gehörten zu den harmloseren Dingen. Auch Zeugenaussagen, die widerrufen wurden; Beweise, die eindeutig belegten, dass Zeugenaussagen nicht stimmen konnten, Einschüchterung von Zeugen durch die Polizei führten nicht zur Aufhebung von Todesurteilen. Insgesamt hatte ich eher das Gefühl, von einem Drittweltland zu lesen als von einem entwickelten Staat.


Fazit

Das Buch war ein heißer Kandidat für das Buch des Jahres, bevor die letzten 20-30 Seiten kamen. Mit dem mitleidshaschenden *Verständnis für die Täter* wird es mir, und das finde ich so schade wie überflüssig, als moralisierend in Erinnerung bleiben. In einer Welt, in der man wegen der ganzer herumlugendern Jugendlichen nicht einmal ins Theater, nicht ins Museum oder einkaufen gehen kann, jedenfalls in bestimmten Orten, hält sich mein Mitleid in extrem engen Grenzen.


Bryan Stevenson ist Professor an der juristischen Fakultät der New York University sowie Mitgründer und Geschäftsführer der »Equal Justice Initiative«, einer Organisation, die sich für Menschen einsetzt, die unter die Räder der amerikanischen Justiz kommen. Er hat Dutzende Verfahren gewonnen und viele Unschuldige vor der Vollstreckung der Todesstrafe gerettet.

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Piper (14. September 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3492057225
ISBN-13: 978-3492057226
Originaltitel: Just Mercy
Größe und/oder Gewicht: 13,6 x 4 x 21,1 cm

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(1) „Gefängnis Tongeren Belgie“ von Beademung – Handy-Camera. Lizenziert unter Copyrighted free use über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gef%C3%A4ngnis_Tongeren_Belgie.jpg#/media/File:Gef%C3%A4ngnis_Tongeren_Belgie.jpg

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