In seinem ersten Roman widmet sich Eduard von Keyserling dem prekären Glück der Besitzlosen. Voller Mitgefühl und Sympathie zeichnet er die Figur der Rosa Herz, die um ihrer ersten Liebe willen zum radikalen Bruch der Konventionen bereit ist.

Rosa Herz ist siebzehn Jahre alt und hat einen einzigen Wunsch: der Enge und Biederkeit der Kleinstadt zu entfliehen. Beim Gedanken an eine Zukunft als Lehrerin an der Töchterschule und Ehefrau des schmierigen Ladendieners Lurch packt sie das Grauen. Als der charmante Ambrosius Tellerat in der Stadt auftaucht, verströmt er den abenteuerlichen Duft der weiten Welt und verzaubert Rosa auf der Stelle. Doch ihrer Liebe stehen allerlei Hindernisse im Weg – und es bräuchte einen willensstärkeren Mann als Ambrosius, um sie zu überwinden.

Mit Rosa Herz, dem Mädchen aus kleinen Verhältnissen, aber mit großen Träumen von Freiheit und Selbstbestimmung, schuf Eduard von Keyserling (1855-1918) eine seiner liebenswertesten Frauenfiguren. Ihren Ausbruchsversuch aus den gesellschaftlichen Zwängen – und dessen bittere Konsequenzen – schildert Keyserling mitreißend und mit scharfem Witz. Die bigotten Spießbürger werden der Lächerlichkeit preisgegeben. Was zunächst wie das subtil-ironische Porträt einer provinziellen Idylle daherkommt, entpuppt sich als beißende Kritik an einer Gesellschaft, die jede Abweichung gnadenlos ächtet.

Screenshot aus dem Spiel *Nevermind*-

Screenshot aus dem Spiel *Nevermind*-

Der Autor schafft die Kunst, auf vielen Seiten wenig zu sagen. Ich habe die Lektüre ab Seite 400 mit Wikipedia vervollständigt und nicht das Gefühl, etwas versäumt zu habe. Es sind die dürren Zeilen Inhaltsangabe auf mehrere hundert Seiten aufgeblasen.

Das Problem ist, dass das dem Buch zugrunde liegende Problem auf merkwürdige Weise veraltet ist und trotzdem hochaktuell bleibt, solange es die Menschheit noch geben wird.
Veraltet deswegen, weil heute keiner in der deutschen Mehrheitsgesellschaft sich mehr darüber aufregt, wenn sich ein Paar in der Öffentlichkeit küsst, auch wenn ich es nach wie vor sehr unappetitlich finde.

Aktuell, weil es rückständige Gesellschaftsschichten gibt, wie in Rokstan (21), die Geschichte einer tödlichen Integration. Aktuell, weil jedes Ausscheren aus der Normalität einen Menschen schnell zum Paria werden lässt.

Zu Recht, wenn ich an bestimmte Leute denke. es gibt z.B. in der deutschen Gesellschaft den unausgesprochenen Konses, dass Religion im öffentlichen Raum nichts zu suchen hat. Und wer sich daran nicht hält, braucht gar nicht erst *Rassismus* zu plärren, wenn er schief ansehen wird, auch wenn dies gerne praktiziert wird.

Und genau das Problem hat auch Rosa Herz: Sie hält sich an keine Konventionen, billigerweise hat der Autor dies mit einer Herkunft aus einem Künstlerhaushalt kombiniert, steht mitten um Schulunterricht auf, um das schöne Wetter zu genießen. Als sie dann in aller Öffentlichkeit jemanden küsst, ist das Maß für die Dorfbewohner voll und sie als die Schlampe abgestempelt, zu der sie auch wird, als sie sich ihm hingibt. Es ist vielmehr erstaunlich, dass sie wegen ihres Verhaltens nicht schon viel eher geächtet worden ist.

Dazu kommen Herzschmerzen, als Rosa Herz merkt, dass es keine Zukunft mit dem Angebeten geben kann.

«Keyserlings Romane gehören zum Aufregendsten, was seit 1900 in deutscher Sprache geschrieben wurde.» (Hubert Winkels, Deutschlandfunk) – Das möchte ich den Rest lieber nicht lesen. Deutsche Autoren waren wohl noch nie besonders gut.

Fazit

Eine dünne Handlung in einem verhältnismäßig dicken Buch. Ich habe einmal einen Film gesehen, ich weiß den Titel nicht mehr, in welchem eine Frau geächtet wurde, weil ihr Kleid auf einem Ball die übermütigerweise falsche Farbe hatte. Hätte der Autor einen solch marginalen Grund im Buch dargestellt, dann wäre die von ihm gestellte Problematik besser rausgekommen. Aber so hat es jemanden getroffen, der sich von Anfang an außerhalb der Gesellschaft gestellt hat.

Leseprobe
Eduard von Keyserling (1855–1918) stammt aus altem baltischem Geschlecht, studierte Kunst und Jura und begann schon früh mit dem Schreiben. Als freier Schriftsteller lebte er zunächst in Wien, später in Italien und München, wo er der Schwabinger Boheme angehörte. Durch eine Krankheit erblindet, vereinsamte Keyserling in den letzten Lebensjahren zunehmend.

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten Verlag: Manesse Verlag (28. September 2015) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3717523945 ISBN-13: 978-3717523949 Größe und/oder Gewicht: 10,3 x 2,9 x 15,5 cm

Gebundene Ausgabe: 576 Seiten
Verlag: Manesse Verlag (28. September 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3717523945
ISBN-13: 978-3717523949
Größe und/oder Gewicht: 10,3 x 2,9 x 15,5 cm

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