Als Gertrude Bell im Januar 1905 zu einer ihrer Reisen in den Nahen Osten aufbrach, wollte sie dort vor allem byzantinische und römische Ruinen studieren. Wie sich später herausstellen sollte, traf sie damit die Vorbereitungen für ihre spätere Mission als Beraterin der englischen Regierung, bei der es um die Neuaufteilung des Nahen Ostens ging. Mit ihrer Karawane und einigen wenigen einheimischen Bediensteten drang sie in den Wüsten und Bergen Syriens, Palästinas und des Libanon in Gebiete vor, die vor ihr noch kaum ein Europäer, geschweige denn eine Frau betreten hatte. Selbstbewusst suchte sie den Kontakt zu Scheichs und Stammesführern, unter deren Schutz es ihr gelang, zwischen den rivalisierenden Stämmen hin und her zu reisen. Sie lauschte den Geschichten von Scharfhirten, saß mit Soldaten am Lagerfeuer, in den schwarzen Zelten der Beduinen und den Besuchszimmern der Drusen. Sie überschritt geographische und soziale Grenzen, setzte Konventionen außer Kraft, denn „die englischen Frauen sind sonderbar. Auf der einen Seite sind sie vermutlich die größten Sklavinnen der Konventionalität. Wenn sie aber einmal damit gebrochen haben, dann richtig, als wollten sie sich rächen.“ – So stand es 1907 in einer Rezension dieses Buches in der New York Times.

Gertrude Bell 1909 im Irak. (1)

Gertrude Bell 1909 im Irak. (1)

Eines vorweg: In vielen Bewertungen war zu lesen, dass das Buch hilft, den Orient zu verstehen. Früher dachte ich dies über Bücher wie dieses auch oder das von Thesiger ebenfalls. Inzwischen glaube ich dies nicht mehr. 100 Jahre ist einfach zu lang, um noch Rückschlüsse auf die Gegenwart zu erlauben. Das Tagebuch einer Engländerin über ihre Schweiz-Reise in ungefähr dem gleichem Zeitraum, sagt schließlich auch nichts über den Zustand der Schweiz von heute aus. Über die Änderungen in der arabischen Welt empfehle ich den FAZ-Artikel Arabische Domplatte. Ansonsten verweise ich auf die Kategorie Arabische Halbinsel.

Der Baaltempel wurde auch besucht, wurde in jüngster Zeit von den Barbaren des IS dem Erdboden gleichgemacht. Leider muss man dazu dagen, dass die Anweisung dazu im Koran stehen. (1)

Der Baaltempel wurde auch besucht, wurde in jüngster Zeit von den Barbaren des IS dem Erdboden gleichgemacht. Leider muss man dazu sagen, dass die Anweisung dazu im Koran stehen. (2)

Ich hätte mir häufig Fotos der besuchten Stätten gewünscht. Das ist zwar für die Erdmann-Bücher untypisch, hätte dem Leser aber genauso geholfen, wie eine Karte des Reiseverlaufs. Viele Orte habe ich nicht gefunden.
Dennoch fängt das Buch viel vom Lebensgefühl der Wüstenbewohner und von ihren Beziehungen untereinander ein. Der Frieden ist stets brüchig, einige Völker stehen ganz unten. Und auch einmal beginnt man zu verstehen, ich weiß, ich widerspreche mich selbst, warum in solchen Ländern die Demokratie nie eine Chance haben wird und warum diese Länder einen starken Anführer an der Spitze brauchen.

Letztendlich muss man sich auch beim Lesen bewusst sein, dass Gertrude Bell als Beraterin der britischen Regierung für Persien ganz persönlich für viel Unheil von heute mit verantwortlich ist. Man siehe sich die widernatürlich gerade Grenzziehung zwischen Iran und Irak an, bei welcher auf Volks- und Religionsgruppen keine Rücksicht genommen worden ist. Angesichts dessen fragt man sich unwillkürlich: Was ist mit ihr passiert, dass sie sich von der respektvollen Reisenden (Nur Selbstdarstellung?) in jemanden verwandelt hat, dem die Völker egal waren?

Fazit

Ein Buch, welches einen Einblick in die arabischen Stammesgesellschaften von vor 100 Jahren gibt. Bedingt kann man die Ursache für heutige Probleme ableiten.

Gertrude Bell, geboren 1868 in Washington bei Newcastle, war Historikerin, Archäologin, Sprachwissenschaftlerin, Übersetzerin, Politikerin und Spionin – und eine großartige Schriftstellerin. Als Tochter des Stahlmagnaten und liberalen Politikers Thomas Hugh Bell in eine der reichsten britischen Familien geboren, schloss sie 19-jährig in Oxford ihr Studium der Neueren Geschichte ab: mit Bravour, aber ohne Titel – der stand in England bis 1920 Frauen nicht zu. Sie lernte Arabisch, Persisch und Türkisch und begann ab 1892 den Orient zu bereisen. Von 1915 bis 1925 hatte die „Königin der Wüste“ als Beraterin von Winston Churchill eine Schlüsselrolle in der Neuordnung des gesamten Nahen Ostens inne. Über ihre Reisen nach Persien, Syrien, Ira und Palästina schrieb sie zahlreiche und sehr erfolgreiche Bücher. Sie starb mit 58 Jahren in Bagdad.

Rezension im GeschiMag

Gebundene Ausgabe: 300 Seiten Verlag: edition erdmann ein Imprint von Verlagshaus Römerweg; Auflage: 1., Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen (2. Oktober 2015) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3737400199 ISBN-13: 978-3737400190 Größe und/oder Gewicht: 13,6 x 2,7 x 22,1 cm

Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
Verlag: edition erdmann ein Imprint von Verlagshaus Römerweg; Auflage: 1., Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen (2. Oktober 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3737400199
ISBN-13: 978-3737400190
Größe und/oder Gewicht: 13,6 x 2,7 x 22,1 cm

(1) „BellK 218 Gertrude Bell in Iraq in 1909 age 41“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BellK_218_Gertrude_Bell_in_Iraq_in_1909_age_41.jpg#/media/File:BellK_218_Gertrude_Bell_in_Iraq_in_1909_age_41.jpg
(2) „Temple of Bel in Palmyra“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Temple_of_Bel_in_Palmyra.JPG#/media/File:Temple_of_Bel_in_Palmyra.JPG

Advertisements