Wir leben in einer Gesellschaft, die zielorientierte Egoisten hervorbringt. Sie belohnt Verhalten, das zum Erfolg führt, und befördert Kalkül und Eigennutz: eine regelrechte Ich-an-erster-Stelle-Kultur, die uns wettbewerbsfähig machen soll.

Aber macht sie uns auch zu wertvollen Persönlichkeiten?

Nein, sagt David Brooks. Vielmehr müssen wir wieder lernen, die Welt nicht zu erobern, sondern uns ihr zu verpflichten. Der amerikanische Bestseller-Autor folgt damit der Spur einer großen moralischen Tradition und beweist, dass wir alle nur gewinnen können, wenn wir eine einfache Wahrheit verinnerlichen: Willst du dich selbst verwirklichen, musst du dich auch selbst vergessen können.

Eine packende Lektüre für alle, die der oberflächlichen Selfie-Kultur überdrüssig sind.

Nemesis-Statue aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. (1)

Nemesis-Statue aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.
(1)

Aufmerksam geworden bin ich auf das auf das Buch durch eine Empfehlung auf Bill Gates´ Literaturblog. Seine Begeisterung kann ich gar nicht teilen.

Das Buch ist sehr in der amerikanischen Geschichte verhaftet. Ida Eisenhower? Dorothy Day? Edith Perkins? A. Philip Randolph? Johnny Unitas? Joe Namath? Alles unbekannte Namen für mich. Von Dwight Eisenhower und Marshall habe ich immerhin schon einmal den Namen gehört. Ich hatte während des Lesens also das massive Problem, dass ich die Kurzbiographien von Leuten las, von denen ich vorher nie etwas gehört habe. Anders formuliert: Mir fehlte eine Menge, die Biographien und das, was der Autor an ihnen zeigen wollte, zu verstehen. Man könnte auch sagen: Ich war überfordert.

Dazu kommt, dass das Buch sehr idealistisch daher kommt. Es wird beklagt, dass die alten Werte keine Rolle in der moderne Zeit spielen, aber nicht, wie man diese heute noch leben kann. Dabei stößt mich der ständige Leistungsgedanke, genannt Adam I, auch ab: Z.B. Wie viele Follower habe ich und wie viel haben andere? Wie viele sammel ich ein und wie viele andere? Auch die Selfie-Kultur wird kritisiert.

Teilweise ist das Buch auch recht widersprüchlich, wenn an Perkins Biographie geschildert wird, dass sie in der Schule Chemie als Leistungsfach nehmen musste, gerade weil sie darin schlecht war, nur damit es in ihrem Kapitel auf Seite 56 heißt: Einer Person geht es bei der Berufswahl um finanzielle Sicherheit und um innere Zufriedenheit. Wenn wir uns an unserem Beruf nicht wohlfühlen, dann wechseln wir die Stelle oder wählen wir eine andere Laufbahn. Unsere Berufung wählen wir nicht. Erst, wenn wir unserer Berufung Folge leisten, haben wir das Gefühl, mit uns im Einklang zu sein. Was soll ich aus dem Kapitel nun schließen? Soll ich mich zur Abhärtung durchbeißen, oder meiner Berufung folgen?

Im gleichen Kapitel bekommt auch unentgeltliche Hilfe sein Fett weg: Heutzutage dient gemeinnützige Arbeit manchmal dazu, die herrschende Sprachlosigkeit über das Innenleben zu verschleiern. Unlängst fragt ich eine .Leiterin einer renommierten Prep School…,was ihre Einrichtung tue, um die Charakterbildung ihrer Schüler zu fördern. Sie antwortete, die Schüler würden soundso viele Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Das heißt, sie antwortete auf meine Frage, die sich auf etwas Inneres bezog, indem sie über Äußeres redete. Sie schien der Ansicht zu sein, man werde schon dadurch zu einem guten Menschen, dass man armen Kindern unentgeltlich Nachhilfeunterricht gäbe. Das ist ein weit verbreitetes Muster. Heute haben viele Menschen tiefe moralische und altruistische Impulse, da es ihnen jedoch an einem moralischen Vokabular mangelt, neigen sie dazu, moralische Fragen in Fragen der Ressourcenverteilung umzuformulieren. Wie kann ich der größtmöglichen Zahl dienen? Wie kann ich etwas bewirken? Wie kann ich mit meinem wunderbaren Selbst diejenigen unterstützen, die nicht so viel Glück hatten wie ich? (S. 68/69)

Das sind Absätze, über die konnte ich stundenlang nachdenken, ohne zu begreifen, was der Autor mir damit sagen wollte. Was letztendlich dazu führte, dass ich aus dem Buch für mich nichts ziehen konnte.


Fazit

Ich bin genauso schlau wie vorher.


David Brooks, geboren 1961 in Toronto, wuchs in New York auf. Nach seinem Geschichtsstudium und Stationen bei der Washington Times und dem Wall Street Journal ist er heute die konservative Stimme der New York Times. Für Das soziale Tier (2012) wurde der populäre Kolumnist in der internationalen Presse viel gelobt
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 € 24,99 [D] € 25,70 [A] | CHF 33,90* (* empf. VK-Preis) Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-466-37151-8

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(* empf. VK-Preis)
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(1) Photo by Marshall Astor on Flickr, 2007-01-04, see http://flickr.com/photo_zoom.gne?id=341698903&size=o

Nemesis mit dem Rad des Schicksals, ihren rechten Fuß auf einem besiegten Feind ruhend. Frisur und Züge der Göttin geben die der Kaiserin Faustina der Älteren wieder. Römische Marmorstatuette, um 150 n. Chr.

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