Die Digitalisierung unseres Alltags schreitet immer weiter voran – mit fatalen Auswirkungen. Anhand neuer wissenschaftlicher Studien zeigt der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer, in welchem Maß diese Entwicklung unsere Gesundheit bedroht. Wir werden cyberkrank, wenn wir den digitalen Medien die Kontrolle aller Lebensbereiche überantworten, stundenlang Online Games spielen und in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Stress, Empathieverlust, Depressionen sowie Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen sind die Folgen. Kinder werden in ihrer Motorik und Wahrnehmungsfähigkeit geschädigt. Computersucht, Internetkriminalität und Mobbing verbreiten sich immer mehr. Manfred Spitzer informiert über alarmierende Krankheitsmuster, warnt vor den Gesundheitsgefahren der digitalen Technik und erklärt, wie wir uns schützen können.

Böse? Ein Screenshot aus Mahjong Quest-

Böse?
Ein Screenshot aus Mahjong Quest.

Am Anfang gefiel mir das Buch sehr gut. Ich habe zwar kein Smartphone, schüttel aber auch immer innerlich den Kopf, wenn ich sehe, wie die Leute im Sportstudio auf ihren Geräten sitzen und vergessen haben, warum sie dort sind. Manchmal wechsel ich dreimal (und öfter) das Gerät, ich sie immer noch selbstvergessen dasitzen. Mir tun sie leid.
Über die Auswirkungen von Social Media kann ich nichts sagen, ich habe keinen Twitter-, Facebook – Account oder sonstiges.

Auch bei den hohen Abbrecherquoten bei Onlinekursen bin ich ganz bei dem Autor. Ich buche bei Coursera regelmäßig tolle Kurse – und komme über die zweite Stunde nie hinaus. Die Woche geht immer so schnell um, und aufholen ist kaum möglich. Jedes Mal schwöre ich mir, keinen Kurs mehr zu buchen, weil ich mir wie eine Versagerin vorkomme, wenn die Mails eintrudeln und ich ohnehin nicht mehr folgen kann. Bis zum nächsten Kurs.

Aber dann wurde es ärgerlich. Computerspiele sind für den Autor nämlich das Böse an sich. Dabei wird nicht unterschieden, um was Spiele es sich handelt. Ich spiele gerne Adventures und könnte mit Shootern nie im Leben etwas anfangen. Und umgekehrt sicherlich auch.

Dann fällt der Autor auf das Henne – Ei – Problem herein. Ich stimme ihm zwar zu, dass nicht in Ordnung ist, wenn jemand 18 Stunden / Tag World of Warcraft spielt. Nur: Es wird bereits vorher eine Menge schief gelaufen sein. Im Gegensatz zum Autor würde ich es auch nicht für gesund halten, wenn jemand so exzessiv Klavier spielt, liest oder Ski fährt. Zudem hatte WoW zu seinen Hochzeiten 12 Millionen Spieler. Das waren nicht alles irgendwelche Verlierer. Einen Börsenmakler kannte ich, ein anderer hatte Maschinenbau und Informatik studiert, wird also nicht gerade unerfolgreich gewesen sein, ein anderer studierte Bioinformatik und hat sich mit einer eigenen Firma selbstständig gemacht. Natürlich gab es auch Arbeitslose, die später Selbstmordversuche unternahmen, aber das ist eben der Querschnitt durch die Gesellschaft. Bei 12 Millionen hat man alles dabei und dass da 12 Millionen Verlierer und suchtgefährdete rumlaufen, glaube ich weniger.

Ich hatte auch eine Zeit, in der ich sofort nach dem Aufstehen den Computer hochgefahren habe und beim Einschlafen darüber nachdachte, was ich am nächsten Tag in WoW unternehmen konnte. Aber auch da hat das Henne – Ei – Problem zugeschlagen: Ich hing nach der Beendigung des Studiums total in Luft und wohnte in der Stadt, wo man nun einmal nichts tun kann. Mit dem Umzug in eine ländlichere Gegend gab sich das auch wieder. (Ich kann mich im jedem Alpendorf besser beschäftigen als in New York.)

Screenshot aus World of Warcraft.

Screenshot aus World of Warcraft.

Weiter geht es mit der Überwachung im Alltag durch Geheimdienste und Supermärkte. Eine Kundenkarte oder PayBack-Karte besitze ich nicht und will ich auch nicht. Das Thema NSA geht mir aus recht persönlichen Gründen an mir vorbei, ganz davon abgesehen, dass ich nie etwas anderes erwartet habe:

Meine Nachbarn sind chronisch neugierig. Als ich eingezogen bin, haben sie eine Anwesenheitsliste geführt und wenn ich heutzutage nach Hause komme, höre ich hinter der Türe oft die Worte *Wieder da.* Selbst, wenn der Paketbote kommt, kann ich sie dies teilweise hinter der Türe kommentieren hören. (Sie sind schon mit der Meldung, ich bekäme zu viele Pakte durchs Haus gezogen.) Die Altpapiertonnen werden routiniert jeden Tag durchsucht (selbst gesehen), mir wurde gesagt, sie hätten sich gezielt meine Rechnungen aus den Paketresten gezogen. (Weswegen ich jetzt die Rechnungen Co. schreddere und Papiermüll nur noch wegwerfe, wenn die Tonne leer ist.) Es ist auch schon vorgekommen, dass unser Mülleimer neben den Briefkästen auf der Suche nach personalisierter Werbung fällig war. Einmal habe ich die Wohnungstür aufgerissen und meine liebe Nachbarin hatte ihr Ohr an die Tür gepresst, um mein Telefongespräch mitzubekommen. Mit Briefen für Fremde, die der Briefträger im Hausflur abgestellt hat, können sie sich locker 10 Minuten beschäftigen (selbst gesehen). Ich komme mir seit meinem Einzug vor, wie in dem Film *Das Leben der anderen*.

Ich finde dieses durch und durch schamlose Gesindel wesentlich unangenehmer als dass die NSA weiß, welche Bücher ich bei Amazon kaufe oder wie der Inhalt meiner Mails lautet. Für wie wichtig halten sich die Leute, dass sie glauben, irgendein Geheimdienst-Mitarbeiter würde ihr Leben auseinandernehmen? Das Kapitel habe ich dann auch übersprungen.

Für mich hätte er sein Leben nicht zerstören müssen. (1)

Für mich hätte er sein Leben nicht zerstören müssen.
(1)

Danach musste ich feststellen, dass ich den Einstieg ins Buch nicht wieder schaffte. Dieser ganz Kulturpessimismus ging mir nur noch auf die Nerven. Ich bin beim Mobbing noch einmal eingestiegen, da ich heute ein Interview mit einer Psychologin in der FAZ dazu gelesen hatte. (Warum sich Menschen online danebenbenehmen ) Und da gibt es eine sehr wichtige Passage:

Man checkt Menschen ja auch im echten Leben ab, aber online sieht man sofort alles: Die Kinder, das Haus, die Terrasse, den Urlaub. Da hat man gleich einen viel tieferen Einblick in das Leben der anderen.

Das ist ja etwas, was wir im normalen Alltag nicht machen würden. Wenn ich in der Bahn oder im Flugzeug sitzen würde, dann würde ich meinem Sitznachbarn nicht sofort ein Bikinifoto von mir zeigen. Oder sagen: Das ist mein Haus, das ist mein Pferd, das ist mein Auto. Im Netz ändert sich das. Im Netz haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie privat, wir sind doch unter uns.

Wie kommt das denn, dass man sich immer so schön sicher fühlt?

Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich, so wie ich jetzt auch mit ihnen rede, in meinem Wohnzimmer sitzen bleibe. Hier ist ja kein Fremder dabei! Und dieses Gefühl schleppe ich auch mit ins Netz. Sobald ich mich im sozialen Netzwerk bewege, bin ich zwar mit vielen Leuten verbunden, aber mein Hirn nimmt das nicht so wahr. Ich sitze ja gemütlich bei mir zu Hause, und die Tür ist zu. Wir unterliegen da einer Privatheitsillusion und merken nicht, dass da eigentlich hunderte von Leuten mit mir auf dem Sofa sitzen. Nämlich nicht nur meine Freunde, sondern auch deren Freunde. Und vielleicht noch irgendein beruflicher Kontakt. Dazu kommt, dass wir im Netz grundsätzlich eine gewisse Selbstöffnungstendenz haben.

Ich habe einmal gelesen, dass ein pensionierter Kommissar (Mordkommission) meinte, dass das, was die Leute ins Internet stellen, er nicht hätte ermitteln dürfen. Wenn die Leute solche privaten Dinge von sich erzählen (Ich weiß, einiges hier war auch recht privat.), dann muss ich damit rechnen, dass sie gegen mich verwendet werden. Es gibt keine harmlosen Informationen, es gibt nur Informationen. Verdeutlich hat mir dies folgende Episode:
Auftritt mein lieber Nachbar. Strahlt mich an, als wenn es nichts Schöneres gäbe mich zu sehen und meint, er hätte mir mein Paket mit hochgebracht. (Wie wir inzwischen alle wissen, natürlich ganz uneigennützig.) Kaum war deren Wohnungstüre geschlossen, fingen alle beide im bösartigsten Tonfall darüber zu lästern, wie blöd ich wäre, dass ich mich mit *Malen nach Zahlen* zu beschäftigen und *Das würden sie auch von jemand anderen kennen*. (Der deswegen wahrscheinlich in ihren Augen auch nichts taugt. Aber die beiden Alten halten sich ohnehin für die Krone der Schöpfung.) Ich stand mit offenen Mund im Flur, nach gut 10 Minuten hatten sie sich über meine Dummheit immer noch nicht einkriegt und ich bin dann auch gegangen.

Es gibt wesentlich sensiblere Informationen und wenn ich lese oder höre, dass Mädchen in der Schule gemobbt werden, weil sie Nacktfotos an ihren Freund schickte und der sie verteilte, dann fällt mir nur ein: Dummheit tut eben doch weh.


Fazit

Kurzzusammenfassung des Buches: Das Internet und die Smartphones sind das kristallisierte Böse, und in allen Computerspielen wird rumgeballert, was aggressiv und suchterzeugend ist.
Mir ist das Buch zu undifferenziert.

Gebundene Ausgabe: 432 Seiten Verlag: Droemer HC (2. November 2015) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3426276089 ISBN-13: 978-3426276082 Größe und/oder Gewicht: 12,5 x 3,7 x 22,4 cm

Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Droemer HC (2. November 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426276089
ISBN-13: 978-3426276082
Größe und/oder Gewicht: 12,5 x 3,7 x 22,4 cm

(1) Von https://www.youtube.com/user/TheWikiLeaksChannel – Derived from: File:Edward Snowden speaks about government transparency at Sam Adams award presentation in Moscow.webm @20s, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28971285

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