»Die Elterngeneration krempelte die Ärmel auf, um die äußeren Trümmer zu beseitigen. Die seelischen Trümmer zu beseitigen – das ist Aufgabe der Enkel.« (Kriegsenkel-Kongress in Göttingen 2013)

Matthias Lohre begibt sich auf die Suche nach seinen verstorbenen Eltern. Mit seiner persönlichen Geschichte zeigt er exemplarisch, mit welchen Nöten die Kinder der Kriegskinder bis heute kämpfen: Die nie verarbeiteten traumatischen Erlebnisse ihrer Eltern haben bei Kriegsenkeln zu mangelndem Selbstwertgefühl, extremen Schuldgefühlen und diffuser Angst geführt. Ihnen hat sich eine Katastrophe eingeprägt, die sie selbst nicht erlebt haben. Den etwa 40- bis 60-Jährigen eröffnet sich heute die letzte Chance, die Seelentrümmer ihrer Familien-Vergangenheit aufzuspüren. Matthias Lohre zeigt an seinem ermutigenden Beispiel, wie echte Versöhnung gelingen kann.

*Das Erbe der Kriegsenkel* ist ein sehr persönliches und mutiges Buch, denn der Autor packt seine Familiengeschichte an den Wurzeln. Dabei gelingt es ihm sehr gut, Parallelen von seiner Familiengeschichte zur gesamtdeutschen Geschichte zu ziehen. Wie z.B. auf einmal jeder einen in der Familie hatte, der Juden entweder versteckte oder im Widerstand aktiv war. Was mir durchaus bekannt vorkommt.

Bis jetzt war die Auswirkung des Krieges für mich nur in einem ersichtlich: Wenn ich ein wenig nachforschte, warum jemand für die Masseneinwanderung von Asyloptimierern ist, kam immer raus, dass die Personen entweder selbst auf der Flucht gewesen ist, oder zumindest die Familie hatte einen Fluchthintergrund. Ich fand das immer interessant, wobei sich Frauen anscheinend stärker und fanatischer in diese Störung reinsteigern können als Männer.

Vieles aus dem Buch konnte ich nachvollziehen, wie das Schweigen meiner Großeltern. Väterlicherseits weiß ich gar nichts, mütterlicherseits gab es die Familiengeschichte her, dass meine Großmutter Juden versteckte und mein Großvater sich vor der SS-Rekrutierung solange im Wald versteckte, bis sein Bruder ihn verriet. Allerdings hat er seine Erinnerungen im Alter aufgeschrieben, gelesen habe ich sie nicht. Vielleicht steht ein wenig mehr darin, als seine Erlebnisse in Frankreich, Stalingrad und jahrelanger russischer Gefangenschaft.

Steinau (Niedersachsen) (1)

Steinau (Niedersachsen)

Wenig nachvollziehen konnte ich dagegen, die Sorgen des Kleinbürgertums, die Schilderungen, das Leben wäre für die Großeltern ein Strafe gewesen. Auch hier kann ich für meine Familie väterlicherseits nichts sagen und die paar Dinge, die ich weiß und übereinstimmen mit dem Buch, gehören nicht ins Internet. In meiner Familie hat sich das großbürgerliche Erbe meiner Großmutter mütterlicherseits erhalten, und sowohl ich als auch meine Mutter sind sehr frei und vor allem gewaltfrei aufgewachsen. Alleine schon deswegen, weil mein Großvater als Kind so vertrümmt wurde, dass er sich schwor, seine Kinder nie zu schlagen.

Denn, und das zeigt das Buch auch auf, bereits die Generation der Ururgroßväter war bereits durch den Ersten Weltkrieg traumatisiert und taugte nicht mehr als Vorbild für die Großväter.

Fazit

Ein sehr emotionales Buch, welches mir sehr an die Substanz ging, aber eben auch Vieles erklärte, was seit Generationen, nicht nur in meiner Familie, in Deutschland schief läuft. Eine unbedingte Leseempfehlung.


Matthias Lohre, geboren 1976, arbeitet als Journalist und Autor in Berlin, berichtet über Politik aus der Hauptstadt und den Bundesländern. Bis Mitte 2014 war er mehr als neun Jahre lang Redakteur der taz, zuletzt als Politischer Reporter. In der Zeitung erschien über fünf Jahre lang regelmäßig seine Kolumne. Heute ist er unter anderem für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE tätig.

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 € 19,99 [D] € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empf. VK-Preis) Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-579-08636-1 Erschienen: 21.03.2016

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-579-08636-1
Erschienen: 21.03.2016

(1) Von Raboe001 – selbst fotografiert DigiCam C2100UZ, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=468756

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