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Was geschieht, wenn einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, der selbst ein Muslim ist, sich in die christliche Bildwelt versenkt? Navid Kermani sieht staunend eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Wunder, unvernünftig und abgründig, zutiefst menschlich und göttlich: ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung nur noch selten sprechen.
Es ist ein Wagnis: Offenen Herzens, mit einer geradezu kindlichen Neugier steht Navid Kermani vor den großen und vor unbekannten Werken der christlichen Kunst. Und es wird zum Geschenk: Denn seine berückend geschriebenen Meditationen geben dem Christentum den Schrecken und die Schönheit zurück. Kermani hadert mit dem Kreuz, verliebt sich in den Blick der Maria, erlebt die orthodoxe Messe und ermisst die Größe des heiligen Franziskus. Er lehrt uns, in den Bildern alter Meister wie Botticelli, Caravaggio oder Rembrandt auch die Fragen unserer heutigen Existenz zu erkennen – mit klarem Blick für die wesentlichen Details und die untergründigen Bezüge auch zu entfernt scheinenden Welten, zur deutschen Literatur, zum mystischen Islam und selbst zur modernen Heilgymnastik. Seine poetische Schule des Sehens macht süchtig: süchtig nach diesem speziellen Blick auf das Christentum und sehnsüchtig danach, selbst so sehen zu können.

Eines bedeutesten Werke und einer der wichtigsten Apostel fehlen: Der ungläubige Thomas (Caravaggio) (1)

Eines bedeutesten Werke und einer der wichtigsten Apostel fehlen: Der ungläubige Thomas (Caravaggio) (1)

Am Anfang fand ich das Buch wirklich sehr gut, aber mit der Zeit ging mir das selbstverliebte Geschwätz des Autors immer mehr auf die Nerven. Kermani ist weder Kunst- noch Kulturwissenschaftler, was im Grunde auch kein Manko ist. Nur sollte man dann eben darauf verzichten, ein Buch über Kunst zu schreiben.

Er reist durch die Welt zu den Kunstwerken, schreibt die entsprechenden Heiligenlegenden dazu, was der informativste Teil der Texte ist und dann seine Gedanken dazu. Diese sind oft auch sehr richtig, wenn man sich die Gelassenheit von Hiobs Frau auf einem Gemälde aus dem Frankfurter Städel ansieht, sowie die fehlenden Rauch- und Rußspuren. Aber genau an dem Punkt sollte eine kunsthistorische Analyse ansetzten. Und diese fehlt komplett.

Albrecht Dürer, Hiob auf dem Misthaufen, linker Außenflügel des so genannten Jabach- Altars, um 1503/1505 Frankfurt am Main, Städel Museum, Nr. 890

Albrecht Dürer, Hiob auf dem Misthaufen, linker Außenflügel des so genannten Jabach- Altars, um 1503/1505 Frankfurt am Main, Städel Museum.

Dazu kommt, dass Kermani immer wieder offen bekundet, dass er mit christlichen Vorstellungen wie der Auferstehung Jesu nichts anfangen kann, da diese muslimischen Vorstellungen widersprechen. Ich kann damit zwar auch nichts anfangen, aber ich schreibe auch keine Bücher darüber. Es ist mir unverständlich, wie ein Autor ein Buch veröffentlichen kann, dessen Subjekt er nicht versteht.

Erotisch? Vision des Heiligen Bernhard (Pietro Perugino) (1)

Erotisch? Vision des Heiligen Bernhard (Pietro Perugino) (2)

Was mich zusätzlich irritierte war, dass selbst wirklich harmlose Bilder, wie z.B. das obige, für den Autor erotisch aufgeladen sind.

Fazit

Das Buch bietet hochwertige Abbildungen, aber die Betrachtungen des Autors dazu muss man wirklich nicht lesen. Das Einzige, was ich aus dem Buch ziehen kann ist, wie fremd, ja fast unvereinbar die Weltbilder von Christen und Moslems sind, selbst wenn diese in Deutschland aufgewachsen sind. Wobei ich zugeben muss, dass Vieles, was den Moslems fremd ist und wie das Kreuz als abstoßend betrachtet wird, auch meine Sichtweise wiederspiegelt.

Verlagsseite

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Seit 2009 ist er Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. 2010 hielt er die Frankfurter Poetikvorlesungen. Für sein akademisches und literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit der Buber-Rosenzweig-Medaille. Seine Sachbücher erscheinen bei C. H. Beck, seine litarischen Werke bislang im Ammann Verlag und künftig bei Hanser. Website: navidkermani.de

Gebundene Ausgabe: 303 Seiten Verlag: C.H.Beck; Auflage: 11 (6. April 2016) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3406683371 ISBN-13: 978-3406683374 Größe und/oder Gewicht: 15,4 x 2,7 x 22,8 cm

Gebundene Ausgabe: 303 Seiten
Verlag: C.H.Beck; Auflage: 11 (6. April 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3406683371
ISBN-13: 978-3406683374
Größe und/oder Gewicht: 15,4 x 2,7 x 22,8 cm

(1) Von Michelangelo Merisi da Caravaggio – artrenewal.org picture n°3757, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2672316
(2) Von Perugino – Web Gallery of Art: Image Info about artwork, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10185423

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