Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf „Unterleuten“ irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

Kampfläufer (Philomachus pugnax), Prachtkleid (1)

Kampfläufer (Philomachus pugnax), Prachtkleid (1)

Erst einmal war ich von der Figurenvielfalt erschrocken und habe mir panisch das Personenverzeichnis bei Wikipedia ausgedruckt. Eigentlich vollkommen unnötig, da die Figuren so eingängig sind, dass man sie sich gut merken kann. Und den sie sind alle beeindruckend:

Gombrowski, der sich für das Dorf und dessen Wohlergehen einsetzt und trotzdem angefeindet wird. Sein Gegenspieler Kron, der in der DDR schon ein 100%er war. Hilde, mit ihren 20 Katzen. Jule und Gerhard, ein Akademiker – Pärchen, welches so gar nicht aufs Land gehört, sich dies aber nicht eingestehen möchte. Und Linda und Frederic, die Pferdefrau, er Software-Entwickler. Dazu kommen dann noch Nebenfiguren wie die Kinder der genannten und Nachbar Schaller, der seine Nachbarn mit brennenden Autoreifen einnebelt.

Andauernd befinden sich die Charaktere *unter Leuten* und gegenseitiger Schuld und Abhängigkeit. Wie ein Thriller liest sich der Roman um altes und neues Unrecht, zerplatzte Träume, Untreue und Eifersucht.
Sehr bitter war das Ende des Romans, welches nur Beschädigte kennt, zudem hätte ich mir einen anderen Gewinner beim Tauziehen um das Gelände gewünscht.

Zwei Ungenauigkeiten habe ich gefunden, auf Seite 627 ist von Walfischen die Rede, dabei sind dies Säugetiere und die Olympiade ist die Zeit zwischen den Olympischen Spielen und nicht die Spiele selbst (Seite unbekannt).

Fazit

Ein faszinierender Roman über die Komplexität menschlicher Beziehungen.

Verlagsseite

Die Zeit: „Unterleuten“: Jedes Dorf ist eine Welt

Juli Zeh wurde am 30. Juni 1974 in Bonn geboren, studierte in Passau und Leipzig Rechtswissenschaften, um von 1996 bis 2000 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig auch eine künstlerische Richtung einzuschlagen. Mit dem juristischen Aufbaustudiengang „Recht der Europäischen Integration“ und dem Rechtsreferendariat von 2001 bis 2003 hielt sie aber der Jurisprudenz die Treue und begann Literarisches und Juristisches – insbesondere Völkerrechtliches und Themen der inneren Sicherheit – miteinander zu verknüpfen. Juli Zeh war Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Sie hat zahlreiche Preise für ihre Bücher und Essays erhalten. Ihr besonderes Interesse gilt Osteuropa.

 Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 640 Seiten, 13,5 x 21,5 cm ISBN: 978-3-630-87487-6 € 24,99 [D] | € 25,70 [A] | CHF 33,90* (* empfohlener Verkaufspreis) Verlag: Luchterhand Literaturverlag Erschienen: 08.03.2016

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 640 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87487-6
€ 24,99 [D] | € 25,70 [A] | CHF 33,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Erschienen: 08.03.2016

(1) I, BS Thurner Hof

bird

CC BY-SA 3.0
File:Kampfläufer 2007-06-08 118.jpg
Erstellt: 20070608

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