Dies ist ein persönliches Buch, der Werkstatt-Bericht einer langjährigen Journalistin, die an ihren Erfahrungen, ihren Irrtümern, ihren Zweifeln teilhaben lässt. Charlotte Wiedemann nimmt ihre Leser mit auf eine anspruchsvolle Reise durch Kulturen und Kontinente, vom Iran über Afrika bis Neuguinea, und sie lässt dabei hinter die Kulissen der Arbeit einer Auslandsreporterin blicken. Wie entsteht unser Weltbild? Was können Journalistinnen und Journalisten überhaupt begreifen von der „Fremde“, vom „Anderen“? Und wie wahrhaftig ist ihr Bild von der Wirklichkeit? Der Versuch, nicht weiß zu schreiben: Das ist die Suche nach einem Blick auf die Welt, der sich von der Enge des Eurozentrismus befreit. Ein Plädoyer für einen Journalismus des Respekts. Respekt auch vor dem Mediennutzer, der durch den täglichen Ansturm kontextloser Nachrichten mehr verdummt als aufgeklärt wird. Das Buch wendet sich an alle, denen bei dieser Art der Berichterstattung unwohl ist. Und die endlich wissen wollen: Warum.

Pressefotografen (1)

Pressefotografen (1)

Ich habe während des Lesens Angst davor bekommen, dieses Buch zu rezensieren. Weil es so umfassend, erkenntnisreich und desillusionierend ist, dass ich nicht das Gefühl habe, ihm gerecht werden zu können. Dennoch werde ich es versuchen, in der Hoffnung, dass viele es mir gleichtun werden und dieses Buch lesen. Am besten mit zeitlichen Abstand mehrmals. Ich bin nach der Lektüre das, was man als mind-fucked bezeichnet.

Ich möchte das Aufbrechen anhand der Doku *Geduld, Geduld* erklären, welche gerade auf Arte + 7 zu sehen ist.

Arglos wie ich bin, dachte ich, der Dokumentarfilmer würde die Geschehnisse so filmen, wie sie passieren. Weit gefehlt! Laut Autorin wurde bei Arte, der Sender wird expliziert erwähnt, aber es dürfte überall gleich ablaufen, ein Drehbuch eingereicht. Nachdem dieses genehmigt worden ist, liefen die Ereignisse entsprechend des Drehbuchs ab, was *die wahre Kunst des Dokumentarfilmens wäre*. Das weitere ist das Subjekt der Doku: Muslimas, fast alle mit Kopftuch, teilweise häuslicher Gewalt ausgesetzt und alle Analphabetinnen. Und schon wird das Klischee Kopftuch – unterdrückt – ungebildet in die Köpfe gehämmert – und das nach Drehbuch.

Die Autorin rät dazu, auch ausländische Zeitungen zu lesen, was mit Diensten wie Mediatico auch recht einfach ist. Aber ist eine staatliche Zeitung z.B. aus Simbabwe oder Thailand ein *unverstellter Blick aufs Land? Wobei sie sicherlich Recht hat, dass man auch in deutschen Zeitungen mehr Journalisten aus den entsprechenden Ländern zu Wort lassen sollte, da diese einen tieferen Einblick in das Land haben als ausländische Journalisten ihn je gewinnen können. Stattdessen werden Leute zu Experten für bestimmte Länder ausgerufen, welche sie nur im Urlaub mal besucht haben. So betrachtet Die Zeit Cem Özdemir aufgrund seiner Herkunft tatsächlich als Türkei-Experten, ungeachtet der Tatsache, dass er auch nur im Urlaub dort hinfliegt.

Zudem leisten sich ausländische Schriftsteller oft einen falschen Blick. Eine indonesische Mittelstandsgegend sieht nun einmal anderes aus, aus eine in Europa; das bedeutet aber nicht, dass sie für hiesige Verhältnisse schlecht ist. Oft werden in Reisereportagen mehrere Personen zu einer zusammengelegt. Betrug am Leser? Interviews: Warum steht die Aussage eines Flüchtlings für das ganze Lager? Vielleicht war er gerade verfügbar, seine Meinung passte ins Bild oder er sprach die Sprache des Dolmetschers, wer weiß?

Zur Verzerrung muss man noch nicht einmal ins Ausland gehen: *Werselin nimmt das Gleiche wie immer: ein paar Lebensmittel, zwei Flaschen Schnaps und ein Weltkrieg-Heftchen voller Heldengeschichten über die Wehrmacht. Als Pötschke uns Journalisten vorstellt, regt Werselin sich auf: „Mit dem Stock sollte man Journalisten vom Hof treiben.“ Und: „Diesen Grünen-Politikern sollte man den Kopf rasieren und sie erschießen.“ * Womit der durchschnittliche Bewohner von Mecklenburg-Vorpommern für Die Zeit hinreichend charakterisiert ist.

Gefährlich auch das Bild der Verklärung, welches explizit in dem Buch *Im Reich der Königin von Saba* betrieben wird. Ich erinnere mich an Beschreibungen der wunderbar leuchtenden Kleider der Frauen. In ihrer ganzen Reise war der Autorin, soweit ich das Buch in Erinnerung habe, nichts Kritisches im Jemen aufgefallen.

Ich kann nicht alles aufführen, was die Autorin in diesem reichhaltigen Buch an Denkanstößen gesammelt hat, aber immer Grunde läuft Vieles darauf hinaus, dass wir die Perspektive wechseln müssen: Die arabischen Länder müssen ihre eigene Form der Demokratie finden, Rebellion kann wie im Jemen auch mit einem Nikaq stattfinden. Timbuktu ist nur für Weiße das Symbol für das Unerreichbare; für Afrikaner war es immer ein pulsierendes Handelszentrum und ihr *Timbuktu* ist Europa.

Symbol für Unerreichbares oder pulsierende Handelsmetropole? (2)

Symbol für Unerreichbares oder pulsierende Handelsmetropole? (2)

Und genau wie die westliche Psychologie für andere Völker nicht funktioniert, so funktioniert die westliche Berichterstattung nicht für andere Länder. Alleine schon nicht durch das sogenannte *Frameing*, dass nur eine Sichtweise zulässt und alles außerhalb dieses Rahmens ausblendet. Auch in einem Land, in welchem Bomben hochgehen, ist ein friedliches Leben möglich

Fazit

Die Autorin schildert sensibel die Problematik bei der Erstellung von Reportagen, sei es durch die Auswahl der Begleiter, staatliche Einschränkungen oder auch dadurch, dass Fremde viele Dinge nicht verstehen können oder missinterpretierten. Das Buch hat mich sehr nachdenklich, aber auch hilflos zurückgelassen. Ich habe keine Zeit, mich weltweit durch Zeitungen zu wühlen, zumal mich die meisten Länder nicht einmal interessieren. Den Zeitungen kann man aber noch viel weniger vertrauen als selbst ich dachte. Den einzig gangbaren Weg sehe ich darin, Bücher und Filme von Kreativen aus den entsprechenden Regionen zu lesen.

Verlagsseite

Homepage der Autorin

Charlotte Wiedemann, *1954. Lebte einige Jahre in Südostasien, bereiste später viele islamische Länder Asiens, Arabiens und Afrikas, u.a. für GEO, DIE ZEIT, Le Monde diplomatique.

Broschiert: 186 Seiten Verlag: Papyrossa Verlagsges.; Auflage: 2. Aufl. (1. März 2014) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3894384948 ISBN-13: 978-3894384944 Größe und/oder Gewicht: 13 x 2,2 x 19,5 cm

Broschiert: 186 Seiten
Verlag: Papyrossa Verlagsges.; Auflage: 2. Aufl. (1. März 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3894384948
ISBN-13: 978-3894384944
Größe und/oder Gewicht: 13 x 2,2 x 19,5 cm

(1) Von Ralf Roletschek (talk) – Fahrradtechnik auf fahrradmonteur.de – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18094809
(2) Von Senani P in der Wikipedia auf Englisch, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1831543

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