Eine klassische Konstellation: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Und das Kind, vor dessen Augen sich das Drama entfaltet. Aber so, wie Ian McEwan sie erzählt, hat man diese elementare Geschichte noch nie gehört. Verblüffend, verstörend, fesselnd, philosophisch – eine literarische Tour de force von einem der größten Erzähler englischer Sprache.

Föten, gezeichnet von Leonardo da Vinci.

Föten, gezeichnet von Leonardo da Vinci.

Die Erzählperspektive ist einfach genial. Das Buch ebenfalls. Ein Fötus erzählt die Geschichte des Mordes an seinem Vater. Das liest sich erst einmal unglaublich schräg, aber die Wirkung ist phänomenal: Der Leser fühlt sich genauso hilflos und verzweifelt, in den Mord an diesem überaus sympathischen Mann einzugreifen, wie der Erzähler. Man möchte ihn warnen, dem Wahnsinn Einhalt gebieten und doch – es geht nicht.

Erst ganz am Schluss reicht es dem Fötus und er leitet seine Geburt ein. Ob er damit das Schicksal der Mörderin, seiner Mutter, besiegelt, bleibt offen.

„O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.“
―William Shakespeare

Ich könnte nun kritisieren, dass es sich um einen außergewöhnlich gebildeten Fötus handelt, der dank Kenntnis der BBC – PostCasts gerne über das Weltgeschehen nachdenkt. Tatsächlich beziehen sich seine Gedanken auf sehr aktuelle Geschehnisse, sei es Calais oder die Flüchtlingskrise, welche das Buch nicht zeitlos machen. Ich werde es aber nicht kritisieren, denn der Kleine hat gute Gründe dafür, vom Kleinen ins Große zu extrapolieren.

Die Schreibweise ist flüssig und elegant, die (recht kleinen) Seiten fliegen nur so vorüber. Das ist schade, denn jede einzelne von ihnen ist ein Genuß.

Fazit

Dem Autor ist es sehr gut gelungen, die Verzweiflung und Hilflosigkeit des Fötus auf den Leser zu übertragen. Ein überragendes Buch.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für ›Amsterdam‹ den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Sein Roman ›Abbitte‹ wurde zum Weltbestseller und mit Keira Knightley verfilmt. Er ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences.

Verlagsseite

 Nussschale Aus dem Englischen von Bernhard Robben Hardcover Leinen 288 Seiten erschienen am 26. Oktober 2016 978-3-257-06982-2 € (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70 * unverb. Preisempfehlung


Nussschale
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Hardcover Leinen
288 Seiten
erschienen am 26. Oktober 2016
978-3-257-06982-2
€ (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
* unverb. Preisempfehlung

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