Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist. Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen. So widmete Édouard Louis dem Autor seinen Bestseller »Das Ende von Eddy«.

 «Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.» / Jean-Paul Sartre (1)

«Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.» / Jean-Paul Sartre (1)

Um die Verschiebung der linken Arbeiterschaft zur Front National geht es in dem Buch weniger, oder nur indirekt. Zwar beschreibt der Autor, wie die Arbeiterschaft von den linken Parteien verraten wurde (Parallel zur SPD und den Grünen mit den Hartz IV-Gesetzen) und wie entfremdet die Theorien der Intellektuellen zum wirklichen Proletariat sind (Einen Widerspruch, welchen er bei sich selbst nicht verarbeiten kann und ihn u.a. seiner Familie entfremdet), aber wenn er wirklich zum Kern kommt, dann muss er zugeben, dass er diesen gar nicht kennt. Wenn es darum geht, dass in französische Sozialsiedlungen immer mehr Araber einziehen, bis die Franzosen ihr Viertel nicht mehr wiedererkannten, was die Eltern aufgrund der steigenden Kriminalität und fremden Gebräuche, wie dem Schächten von Lämmern zum Opferfest in benachbarten Badezimmern. Dies wischt er mit *Kann sein, kann auch nicht sein* einfach weg. Es ist nur merkwürdig, dass viele Einheimische in Gegenden mit vielen Moslems demselben *selektiven Denken* unterliegen. Was nicht sein darf, kann eben auch nicht sein. Auch, wenn meine Nachbarn wahrscheinlich keine Schafe schlachten, merke ich jeden Tag, wie unangenehm solche Leute als Nachbarn sind. Sie sind rücksichtlos, ohne dies zu wollen oder zu merken, was sie da treiben.

Marine Le Pen (2014) (2)

Marine Le Pen (2014) (2)

Seine Stärken hat das Buch, wenn es darum geht, welche Hindernisse dem Autor aufgrund seiner Herkunft in den Weg gelegt werden, und wie schwierig das Leben als heranwachsender Homosexueller war. „Wenn ich mich nicht selbst vom Schulsystem ausgrenzen wollte – beziehungsweise wenn ich nicht ausgegrenzt werden wollte -, musste ich mich aus meiner eigenen Familie, aus meinem eigenen Universum ausgrenzen.“ Sensibel wird geschildert, wie schwierig es war, sich als ein Kind der Arbeiterklasse in einer Schule zu behaupten, welche von Kindern des Bildungsbürgertums geprägt war. Wie er nicht nur täglich zwischen der Welt der Gebildeten und der Arbeiter wechseln musste, sondern als Homosexueller in beiden Schichten verachtet wurde.

Seine Wandlung zum Salonlinken reflektiert er kritisch, als dass die Wirklichkeit dieser mit den Linken des Proletariats nicht mehr als den Namen gemein halt. Eine Verschiebung, die dann dazu führte, dass die Wähler von der Kommunistischen Partei zur Front National abwanderten. (So sorgten sich Teilnehmer bei einer von Clintons Wahlparty, ob die gereichten Häppchen vegan und glutenfrei wären. Und das in einem Land, in dem 13% der Bevölkerung Lebensmittelmarken beziehen.)

Natürlich muss man sehen, dass viele seiner Erlebnisse nicht mehr gelten. Homosexuelle sind wahrscheinlich nicht mehr solcher aggressiven Übergriffe wie damals ausgesetzt, auch wenn der Autor die Notwendigkeit von Schutzräumen wie Schwulen – Bars betont. Sehr interessant waren in dem Zusammenhang, der Selbsthass in der Schwulenszene, welcher sich gegenüber Aggressionen dieser Gruppe äußert. Auch legen heute 70% der französischen Schüler das Abitur ab, was zu einer immensen Jugendarbeitslosigkeit führt, da Handwerksstellen nicht mehr besetzt werden können.

Fazit

Ein sehr reflektiertes Buch über Klassen – und Schichtenunterschiede.

Zitate

„Interesse für Kunst und Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man sich selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine „Distinktion“, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu anderen – den „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schichten etwa.“

„“…, neben der sich das Leben meiner Eltern besonders erbärmlich ausnahm. Mit all ihrer Kraft strebten sie danach, auch die üblichen Konsumgüter zu besitzen, und ich sah …, dass ihre Verbürgerlichung zugleich eine soziale Entfremdung war.“ …Ich bemitleidete sie für ihren ständigen, neidgetriebenen Materialismus („Warum sollten wir das nicht auch haben dürfen.“) und war umso enttäuschter, als ich begriff, wie sehr ihre politischen Einstellungen mit diesem Neid zusammenhingen, selbst wenn die Verbindung zwischen Sphären des Konsums und der Politik nie ausdrücklich gezogen wurde.“

„Jeder träumt davon, aus einer ruhmreichen Familie zu stammen, egal, worauf der Ruhm sich gründet. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Man kann sich lediglich fragen, wie man mit einer Geschichte klarkommt, für die man sich schämt.“

„Ich hatte plötzlich wieder – aber war es nicht die ganze Zeit in meinen Kopf und in meinen Leib eingeschrieben gewesen? – dieses Arbeitermilieu vor Augen, dieses Arbeiterelend, das aus den Physiognomien der Häuser im Hintergrund spricht, aus den Inneneinrichtungen, aus den Klamotten, aus den Körpern selbst. Es ist immer wieder bestürzend, wie unmittelbar fotografierte Körper aus der Vergangenheit, viel mehr noch als bewegte oder leibhaftig vor uns stehende, einen sozialen Körper darstellen, den Körper einer Klasse. Und wie sehr die fotografische Erinnerung jeden Einzelnen, indem sie ihn (in diesem Fall mich) an seine Klassenherkunft erinnert, in seiner sozialen Vergangenheit verankert. Das Private und Intime, wie es aus diesen alten Bildern spricht, schreibt uns wieder in unsere ursprüngliche gesellschaftliche Kategorie ein, in Orte der Klassenzugehörigkeit, in eine Topografie, die unsere scheinbar persönlichsten Erfahrungen und Beziehungen innerhalb einer kollektiven Geschichte und Geografie verortet, ganz so, als hinge jede individuelle Genealogie von einer sozialen Archäologie oder Topologie ab, die ein jeder als eine seiner tiefsten Wahrheiten, vielleicht als die bewussteste überhaupt, in sich trägt.“

„Es konfrontierte mich mit meiner klassenspezifischen Situation und mit einem Selbst, das zu sein und zu werden ich durch das Vorbild dieses anderen bestimmt war. Es prägte mir den beständigen, ausdauernden Willen ein, die mir versprochene Zukunft zu widerlegen – und zugleich den unauslöschlichen Abdruck meiner sozialen Herkunft, dieses „Erinnere dich, woher du kommst“.“

„Wenn ich mich nicht selbst vom Schulsystem ausgrenzen wollte – beziehungsweise wenn ich nicht ausgegrenzt werden wollte -, musste ich mich aus meiner eigenen Familie, aus meinem eigenen Universum ausgrenzen.“


Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Er gilt als einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Frankreichs und bezieht regelmäßig Stellung zum politischen Zeitgeschehen. Bei Suhrkamp erschien zuletzt: Michel Foucault. Eine Biographie (st 3086).

Tagesanzeiger

Taschenbuch: 240 Seiten Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (8. Mai 2016) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3518072528 ISBN-13: 978-3518072523 Größe und/oder Gewicht: 12,3 x 2,2 x 20 cm

Taschenbuch: 240 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (8. Mai 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3518072528
ISBN-13: 978-3518072523
Größe und/oder Gewicht: 12,3 x 2,2 x 20 cm

(1) Sartre und Beauvoir am Denkmal Balzacs; Von Unknown. Copyright holder is Archives Gallimard at Paris, Archives Gallimard no longer exists – Schwarzer, Alice: Simone de Beauvoir, Reinbek, Rowohlt, 2007, ISBN: 978-3-498-06400-6, S. 68, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4241763

(2) Von Foto-AG Gymnasium Melle, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45585285

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