Schlagwörter

Asyl ist ein Menschenrecht, doch es unterliegt strengen Regeln. Falsche Hoffnungen lassen Menschen in eine ungewisse Zukunft aufbrechen, die nicht von Krieg und Verfolgung bedroht ist. Winnie Adukule kennt diese Vorgänge aus erster Hand: Sie überprüft im Auftrag europäischer Behörden Ostafrikaner, die ohne Papiere und oft mit falschen Angaben Asyl beantragen. Warum sehen diese Menschen keine Perspektive vor Ort? Adukule analysiert die Lage in den Fluchtgebieten, die Rolle der Entwicklungshilfe und die Versäumnisse der deutschen Asyl- und Wirtschaftspolitik. Sie scheut sich nicht vor scharfer Kritik und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte aus afrikanischer Perspektive.

Kurt Schwerdtfeger: Flüchtlingsfamilie (Gedenkstätte des Deutschen Ostens, Schloss Burg) (1)

Kurt Schwerdtfeger: Flüchtlingsfamilie (Gedenkstätte des Deutschen Ostens, Schloss Burg) (1)

Nach einer kurzen Einleitung folgen zehn Gespräche mit Flüchtlingen in Uganda, Rückkehrern aus Europa und offiziellen Vertretern ausländischer Organisationen (Der deutsche Botschafter a.D., eine schweizerische Honorarkonsulin und Vertreter einer finnischen Hilfsorganisation.).

Wirklich erstaunlich fand ich, wie einig sich alle drei Gruppen darüber waren, dass es sich bei den Flüchtlingen aus Uganda, einschließlich derer, welche über das Land nach Europa einreisen wollen, um reine Wirtschaftsflüchtlinge handelt. (Die Autorin, welche bereits welche vor Gericht in Europa vertretenen geht nach ihrer Erfahrung davon aus, dass auf einen berechtigten Antrag fünfzehn (!) unberechtigte kommen (S. 232).) Auch die Asylanten in Uganda geben unverhohlen zu, dass sie sich in Europa nur bessere Lebensbedingungen erhoffen. Geld wächst hier gerüchteweise an Bäumen, sonst gibt es ominöse Kisten, in welche man nur eine Plastikkarte stecken muss, und schon bekommt man so viel Geld wie man möchte.

Überhaupt ist die Sicht auf Europa unglaublich naiv und weltfremd: Eine Dame glaubt, sie könnte sich das Geld hier mit dem Flechten von Zöpfen verdienen; ein anderer meint, er könnte hier Farmer werden (Eine angepflockte Kuh hinterm Haus macht sich immer gut.) und Deutsch würde er schon in sechs Monaten lernen. Berichte von Rückkehrern aus Belgien über die Kälte in Europa werden mit dem Einwand weggewischt, man wolle ja auch nach Deutschland, wo das Wetter viel besser wäre. (Ein anderer meinte, alles, was nicht unter 20° C wäre, ist schon ok und kälter würde es sicherlich nicht werden.) Die Sicht auf Europa ist einfach fantastisch, weswegen eine der Lösungsansätze laut der Autorin massive Aufklärung ist.

Erst einmal angekommen, sitzen die meisten in der Falle: Verstört durch das Klima, durch die Disziplin (Regnet es, geht man einfach nicht zur Arbeit.), Sprachbarrieren. Reisen sie aus, dürfen sie lebenslang nicht mehr in die EU einreisen, illegal müssen sie ihren Freunden in Uganda etwas vorgaukeln (und wecken neue Begehrlichkeiten). Viele schlagen daher ein Amnestieprogramm und eine bezahlte Rückreise vor.

Vor allem werden ganz klar zwei Dinge zum Ausdruck gebracht:

1.) Es gibt sichere Fluchtländer in Afrika wie Uganda, das dortige Asylsystem wird vorgestellt.

2.) Es ist nicht nur der Westen, welcher Schuld an den Kriegen hat. Die im Buch beschriebenen Kriegsgräuel an Frauen sind so schrecklich, dass eine Vergewaltigung noch harmlos ist: Den Frauen wird anschließend noch ins Geschlecht geschossen, woran sie dann sterben. Hier kann man über Einschränkung der Waffenlieferungen Einhalt gebieten. Aber an kulturellen Gräuel kann der Westen nichts machen und das geben sogar die Betroffenen zu: Im Südsudan ist es Ausdruck der Männlichkeit, Rinderherden zu stehlen, der größte *Coup* umfasste 10.000 Rinder. In den darauffolgenden Auseinandersetzungen wurden tausende Sudaner getötet.

Fazit

Ein sehr differenziertes Buch, welche eine Innenansicht des afrikanischen Flüchtlingsproblems bietet.

Winnie Adukule, geboren 1977 in Kampala, Uganda, studierte Jura an der Makerere-Universität ihrer Heimatstadt und an der Ohio Northern University in den USA. Sie arbeitete vier Jahre für die UNO in New York und wirkte an deren Antikorruptionsbericht von 2008/2009 mit. Heute bearbeitet sie als Anwältin und Notarin in ihrer eigenen Kanzlei in Kampala hauptsächlich Flüchtlingsfälle. Winnie Adukule ist verheiratet und seit 2005 Mutter einer Tochter.

Verlagsseite

Taschenbuch: 240 Seiten Verlag: Das Neue Berlin; Auflage: 1 (2. Mai 2016) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3360013093 ISBN-13: 978-3360013095 Größe und/oder Gewicht: 12,3 x 2,2 x 20,8 cm

Taschenbuch: 240 Seiten
Verlag: Das Neue Berlin; Auflage: 1 (2. Mai 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3360013093
ISBN-13: 978-3360013095
Größe und/oder Gewicht: 12,3 x 2,2 x 20,8 cm

(1) Von Edgar Falkenhain – Edgar Falkenhain, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44735582

Advertisements