2014 und 2015 ist Nir Baram in die besetzten Gebiete des Westjordanlands gereist. Um sich selbst ein Bild von der Lage seines Landes zu machen, hat der preisgekrönte Schriftsteller aus Israel Flüchtlinge, Siedler, Juden, Palästinenser, Politiker und Aktivisten befragt. Vorurteilslos spricht Baram mit den unterschiedlichen Bewohnern entlang der Grenzen, und stets schlägt ihm eine scheinbar einfache Wahrheit entgegen: „Trennung führt immer zu einem Mangel an gegenseitigem Verständnis und der Dämonisierung des anderen.” Seine Reportagen beweisen eindrucksvoll, dass es möglich ist, aufeinander zuzugehen und dass es einen Weg jenseits der Zwei-Staaten-Lösung geben muss.

Palästinensisches Selbstverwaltungsgebiet, „Gebiet A“ nach Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen (Oslo-Abkommen), Palästinensisches Selbstverwaltungsgebiet unter Kontrolle des israelischen Militärs (Gebiet B) Vom israelischen Militär verwaltet (Gebiet C) Israelische Siedlung Vorposten einer israelischen Siedlung Kommunales Gebiet der Siedlung (verboten für Palästinenser) Grafik mit Farberklärung: https://de.wikipedia.org/wiki/Westjordanland#/media/File:Westbank_Control_%26_Access_Restrictions_Dec_2012.png (1)

Palästinensisches Selbstverwaltungsgebiet, „Gebiet A“ nach Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen (Oslo-Abkommen), Palästinensisches Selbstverwaltungsgebiet unter Kontrolle des israelischen Militärs (Gebiet B) Vom israelischen Militär verwaltet (Gebiet C) Israelische Siedlung Vorposten einer israelischen Siedlung Kommunales Gebiet der Siedlung (verboten für Palästinenser) Grafik mit Farberklärung: https://de.wikipedia.org/wiki/Westjordanland#/media/File:Westbank_Control_%26_Access_Restrictions_Dec_2012.png (1)

Das Buch ist bedrückend, denn die ganze Zeit fragt man sich beim Lesen unwillkürlich, wie dieser Konflikt, dieser Hass, dieses gegenseitige Unverständnis enden soll. Und warum die Leute nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst, das Leben so schwer machen. Seinen Höhepunkt hat der Wahnsinn wohl bei israelischen Gemeinden auf palästinensischen Boden und palästinischen Orten auf israelischer Seite erreicht. Wobei jeweils beide Seiten geheißen sind, die Krankenhäuser auf der jeweils anderen Seite zu benutzen. Wer einen Herzinfarkt hat, sollte möglichst schnell zusehen, dass er zum Checkpoint kommt – das Warten auf die Abfertigung des Krankenwagens würde zulange dauern.

„… dass die überwiegende Mehrheit aller Israelis keine Ahnung hat, wie das Leben auf der Westbank aussieht. Die meisten sind noch niemals dort gewesen. Man könnte meinen, wir reden über einen theoretischen, nebulösen Ort, der in unserer politischen Vorstellung nur vage existiert, so, wie wir über die Bürgerkriegsschauplätze in Syrien oder Kongo reden.“

Die Spannungen, unter dem alle zu leiden haben, kommt deutlich heraus. Inwieweit es immer stimmt, dass zum Beispiel die Araber vor der Al-Aqsua-Moschee belästigt und beteiligt werden, kann ich nicht beurteilen. Aus dem Buch ergibt es eher das Bild, dass zwar auch die Juden unter den Militäroperationen leiden (Wer möchte sich schon mit seinem Bäcker an einer Straßensperre verabreden, damit er ihm etwas abkaufen kann?), aber die die Palästinenser als die Schwächeren deutlich schlechter dran sind.

Northeast exposure of Al-Aqsa Mosque on the Temple Mount, in the Old City of Jerusalem. Considered to be the third holiest site in Islam after Mecca and Medina. (2)

Northeast exposure of Al-Aqsa Mosque on the Temple Mount, in the Old City of Jerusalem. Considered to be the third holiest site in Islam after Mecca and Medina. (2)

Vor allem sind alle zurecht ratlos, wie sich dieser Konflikt beilegen lässt. Zu groß ist der Hass der Araber, welche unter elenden Umständen in den abgetrennten Gebieten leben müssen, zu rassistisch die israelische Gesellschaft, welche zwischen Juden und Nichtjuden penibel unterscheidet. Von den Kindern der Siedler, die diese Gebiete ebenfalls als ihre Heimat ansehen, ganz zu schweigen.

„Sie sind überall, nicht nur in den großen Siedlungsblöcken, sie sind einfach überall, egal, über welche Straße man durch das Westjordanland fährt, überall sieht man die Siedlungen. Wir sind also nicht mehr in den 1990er-Jahren, wir haben es 2016 mit einer neuen Realität zu tun, in der sich hunderte und aberhunderte Siedlungen überall im Westjordanland finden. Und in denen leben hunderttausende Siedler. Juden und Palästinenser leben dort also miteinander total vermischt. Und ich kenne einfach keine politisch umsetzbare Idee, wie man diese Siedler aus dem Westjordanland wieder herausbekommen könnte.“

Ich verstehe auch, dass die Israelis aus demographischen Gründen keine Einstaatenlösung akzeptieren können – sonst wäre Israel irgendwann ein arabisches Land.

Fazit

Ein bedrückendes Buch, welches die Probleme aufzeigt, aber auch keine Lösung anbieten kann.
Verlagsseite mit Interview

Nir Baram (* 2. Juni 1976 in Jerusalem) ist ein israelischer Autor und Journalist.
Baram entstammt einer Familie von israelischen Politikern der Awoda,[1] ukrainischer, ägyptischer und libanesischer Herkunft.[2] Sein Großvater Mosche Bar’am war Minister in mehreren Kabinetten des Landes, ebenso sein Vater Uzi Bar’am, der zuletzt Tourismusminister war.

Nir Baram schloss 1994 die Highschool der Hebrew University in Jerusalem ab, bevor er den 3-jährigen Militärdienst antrat. Er studierte das Fach Hebräische Literatur an der Universität Tel Aviv. Danach war er Redakteur im Verlag Am Oved. Seit 2006 schrieb er mehrere Romane, die auch in einige europäische Sprachen übersetzt wurden. Er schreibt für die israelische Tageszeitung Haaretz und andere Publikationen.

Im Jahre 2006 setzte Baram sich mit anderen Dichtern und Autoren seiner Heimat für einen Waffenstillstand im Libanonkrieg des gleichen Jahres ein. Wikipedia

Nir Baram: "Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete", Hanser Verlag, Übersetzung: Markus Lemke, 317 Seiten, Preis EUR: 22,90

Nir Baram: „Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete“, Hanser Verlag, Übersetzung: Markus Lemke, 317 Seiten, Preis EUR: 22,90

(1) Von United Nations OCHA oPt – http://www.ochaopt.org/documents/ocha_opt_west_bank_access_restrictions_dec_2012.pdf, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33392847
(2) Von Andrew Shiva / Wikipedia, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29652325

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