Durch einen Zufall lernt der Matrose Martin Eden die aus wohlhabendem Hause stammende Ruth kennen. Für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick. Um der gebildeten jungen Frau auf Augenhöhe begegnen zu können, beginnt er ein ambitioniertes Selbststudium. Dabei entdeckt er seine Leidenschaft fürs Schreiben und beschließt, Schriftsteller zu werden. Doch kann er Ruth gewinnen und seinen Traum vom erfolgreichen Bestsellerautor verwirklichen?

Das Innere des Paramount Theaters, Oakland (2008) (1)

Das Innere des Paramount Theaters, Oakland (2008) (1)

Ich musste mit mir ringen, um das Buch zu Ende lesen zu können. Der Grund ist banal: Das Cover. London für zur See, Eden fuhr zur See, London stammte aus einfachsten Verhältnissen, Eden ebenfalls. Selbst die politischen Ansichten der beiden stimmen überein. Und dennoch: Jedes Mal, wenn ich die Umschlaggestaltung sah, hatte ich das Gefühl, dass der Verlag für mich das Buch bereits interpretiert hatte und ich mir keine eigenen Gedanken zu ihm mehr machen brauchte. Ich habe alle Bücher Londons mit dem Hintergedanken gelesen, dass sie mehr oder weniger autobiographisch gefärbt sind. Aber ich konnte sie immer als einen eigenständigen Text wahrnehmen. Hier ging es eben nicht. Es war, als wenn mir jemand gesagt hätte, was ich über die Handlung zu denken hätte.

Und dann kommen die Rezensenten, noch mal so viele Versager. Erzähl mir nicht, dass sie nie diesen Traum geträumt und versucht haben, Romane oder Gedichte zu schreiben; denn das haben sie, und sie haben versagt. Herrje, die üblichen Rezensionen sind schlimmer als Lebertran. Aber meine Ansichten über selbsternannte Kritiker kennst du ja sowieso. Es gibt großartige Kritiker, aber sie sind seltener als Kometen. S. 315

Dem zunächst rohen, sich aber immer weiter vervollkommnenden Martin Eden, welcher sich mühsam durch die Bibliotheken liest und der so immer weiter Bildung erwirbt, der als dem Bildungsbürgertum Außenstehender Vieles kritisch hinterfragt, stellt London die von Eden verehrte Ruth entgegen. Ruth, aus einem sehr guten Elternhaus kommend, mit einem Universitätsabschluss in Literaturwissenschaften, ist nicht in der Lage, Standards zu hinterfragen, ganz im Gegensatz zum *ungebildeten* Martin. Deutlich wird dies in einem Gespräch, nach einem Opernbesuch. Während Eden darauf hinweist, dass eine stark übergewichtige Sängerin ihm die Illusion einer schönen Prinzessin genauso wenig vermitteln vermag, wie ein 1,60m – Mann deren Verführer, beharrt sie darauf, dass alles seine Richtigkeit haben wird, da beide als sehr gute Sänger bekannt sind. Seiner Argumentation vermag sie nicht zu folgen.

Auch in anderen Situationen vertritt Ruth immer das, was man ihr beigebracht hat, ohne in der Lage zu sein, dies zu hinterfragen. Auch ansonsten ist sie beispielhaft für ihren Stand, wenn sie Eden, der sich u.a. in Wäscherein schindet, der Faulheit bezichtigt.

Zu nicht mehr erträglichen Spannungen kommt es für Martin, als er erkennt, dass er nirgendwo mehr Platz hat in der Gesellschaft. Seinen Ursprüngen ist er entwachsen, das Bildungsbürgertum behandelt ihn erst verächtlich bis abweisend, um ihn später wie ein Zirkuspferdchen herumzureichen.
Das Buch ist, wie alles von Jack London sehr gut lesbar und man erfährt eine Menge über die Spannungen in der Gesellschaft in dieser Zeit und über das Verlagswesen.

Fazit

Ein sehr gutes Buch, dessen Handlung mich sehr nachdenklich gemacht hat. Allerdings wurde durch das Cover mein Leseerlebnis nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen.

Jack London (eigentlich John Griffith Chaney) wurde am 12. Januar 1876 als uneheliches Kind in San Francisco geboren. Er wuchs in Armut auf und musste bereits früh zum Einkommen der Familie beitragen. Nach einer Zeit, in der er sich als Fabrikarbeiter, Robbenjäger und Landstreicher durchschlug, holte er das Abitur nach und begann 1896 ein Studium, das er jedoch schon nach einem Semester abbrach. Er ließ sich vom Goldrausch anstecken und schürfte in Alaska selbst nach dem Edelmetall. Zurück in Kalifornien stellten sich mit seinen Tiergeschichten und Erzählungen über das harte Leben einfacher Menschen der Arbeiterklasse erste literarische Erfolge ein. In kurzer Zeit wurde London sehr wohlhabend. Seine plötzliche Popularität überforderte ihn jedoch. Alkohol und ein extravaganter Lebensstil führten den Schriftsteller in den Ruin. Jack London starb am 22. November 1916 im Alter von nur 40 Jahren auf seiner Farm in Glen Ellen an Nierenversagen.

Lutz-W. Wolff, geboren am 17. Juli 1943 in Berlin, schloss sein Studium in Frankfurt am Main, Bonn und Tübingen 1969 mit der Promotion über Heimito von Doderer ab. Neben seiner Tätigkeit als Lektor übersetzte er unter anderem Werke von Madison Smartt Bell, Jasper Fforde, Tama Janowitz, Robert Littell, Leo Rosten, Kurt Vonnegut, Fay Weldon, F. Scott Fitzgerald und Jack London.

Gebundene Ausgabe: 528 Seiten Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (26. August 2016) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3423280816 ISBN-13: 978-3423280815 Originaltitel: Martin Eden Größe und/oder Gewicht: 14,4 x 3,5 x 21,3 cm

Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (26. August 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423280816
ISBN-13: 978-3423280815
Originaltitel: Martin Eden
Größe und/oder Gewicht: 14,4 x 3,5 x 21,3 cm

(1) Von Brian – originally posted to Flickr as Paramount Theatre, Oakland, CA, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4586110

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