Nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reiches« gab es einen unverrückbaren Ort, der Halt und Geborgenheit versprach: die Familie. Sie erwies sich als der einzige Wert, der den Nationalsozialismus weitgehend unversehrt überdauert hatte. Eines aber konnte die Familie nicht – sie konnte nicht jene Widersprüche und Konflikte aussperren, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt die Gesellschaft begleiteten. Zu ihrer vielleicht größten Hypothek wurde das Verdrängen und Verschweigen. Sie waren der Nährboden für die berüchtigten Familiengeheimnisse der deutschen Gesellschaft nach 1945, an deren Gift bisweilen noch die Enkelgeneration laborierte. So wurden aus großen Erwartungen nicht selten große Enttäuschungen, die bis heute nachwirken. Der deutsche Familienkosmos der Nachkriegszeit war eine historisch einzigartige „Versuchsanordnung“. Florian Huber liefert den Schlüssel zum Verständnis dieser Zeit und der folgenden Generationen.

Verdankt Flüchtlichen aus dem Osten seine ungewöhnlichen Straßenzüge: Stadtallendorf. (1)

Der Autor verfolgt die Biographien mehrerer Familien und gerade der Rückkehrer. Leider wechseln diese sich immer ab, sodass es kaum möglich ist, sich immer an jede zu erinnern und die Verfolgung deutlich erschwert. Eingeflochten werden Themen der Zeit, seien es die Vergangenheitsbewältigung, der Umgang mit den Kriegsheimkehrern, die veränderte Stellung der Frauen und die sozialen / politischen Umstände. Dadurch werden die Geschichten der Familien deutlich plausibler.
Dabei werden die verschiedenen Blickwinkel gezeigt, die der traumatisierten und verwundeten Männer, die für ihre Familie nur einen Ballast darstellten und daraus heraus oft aggressiv wurden; die der Frauen, die es gewohnt waren, die Familien alleine durchzubringen und einen zusätzlichen Mund zu stopfen hatten; und die der Kinder die dazwischen hingen, wenn sie nicht zu den Unglücklichen gehörten, welche im Kinderheim lebten (700000) oder durch Deutschland vagabundierten (100000). In der Regel verlief die Kindheit bis zu einem bestimmten Alter grundsätzlich in einer männerlosen Gesellschaft.

Getragen wird das Buch von Held(innen) und Antihelden, wie Ludin, der 70000 Juden deportieren ließ, aber auch eine liebender Familienvater war, dessen Hinrichtung eine schmerzhafte Lücke hinterließ. Andere Männer begannen mit 45 noch ein Pharmaziestudium und brachten es zum Dorfapotheker (und Familientyrannen).

Auch wird in Einschüben immer wieder gezeigt, wie unmöglich die Entnazifizierung war, dass Ärzte und Richter, welche über Leben und Tod geboten (Nebel im August berichtet über einen solchen Fall), wieder zu Amt und Würden kamen, während Rechtsradikale in Parteien die Landtage und den Bundestag kamen.

Fazit

Ein tiefer Einblick in die sehr bitteren 50er Jahre.

Florian Huber, geboren 1967 in Nürnberg, promovierte zur Umerziehungspolitik der britischen Besatzungsmacht in Deutschland. Er lebt in Hamburg als Autor von historischen Sachbüchern wie »Meine DDR. Leben im anderen Deutschland« und »Schabowskis Irrtum. Das Drama des 9. November«. Darüber hinaus ist Florian Huber Autor von preisgekrönten Dokumentarfilmen zu zeitgeschichtlichen Stoffen wie dem Mauerfall, dem Olympia-Attentat 1972 sowie dem 11. September. 2015 erschien im Berlin Verlag sein von der Presse hochgelobter Bestseller »Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945«, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (1. März 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827013313
ISBN-13: 978-3827013316
Größe und/oder Gewicht: 14,8 x 3,4 x 22,3 cm

(1) Von Pazzee in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22813300

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