Keine Frage: Manfred Baumann ist ein Sonderling. Obwohl als Bankdirektor der elsässischen Gemeinde Saint-Louis in guter Stellung, tut sich der 36-Jährige schwer im Umgang mit Menschen. Umso wichtiger sind für den eigenbrötlerischen Junggesellen seine gewohnten Routinen: ein penibel geplanter Tagesablauf, die regelmäßigen Ausflüge nach Straßburg zu den leichten Mädchen von Madame Simone und die Besuche in seinem Stammlokal. Tag für Tag beobachtet er dort, meist schweigend, die blutjunge Kellnerin Adèle Bedeau. Bis sie eines Abends spurlos verschwindet. Manfreds Welt gerät ins Wanken, als Kommissar Georges Gorski die Ermittlungen im Fall Adèle Bedeau aufnimmt … Wird Gorski, der noch immer schwer an einem lang zurückliegenden Ermittlungsfehler zu tragen hat, diesmal den richtigen Riecher haben und das plötzliche Verschwinden von Adèle aufklären, die wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint? Und was hat Manfred mit dem Fall zu tun, der auf einmal mit vergessen geglaubten Geistern seiner Vergangenheit kämpft? Nach seinem Bestseller „Sein blutiges Projekt“ zeichnet Shootingstar Graeme Macrae Burnet erneut das Psychogramm eines Außenseiters, der von seinem eigenen Wahn an den Rand der Verzweiflung getrieben wird. In seiner schottischen Heimat wurde der Roman zum Kulthit.

Weinanbau bei Sigolsheim nördlich von Colmar (1)

Das Buch als Krimi zu vermarkten, halte ich wie bereits bei *Sein blutiges Projekt* für eine Fehlentscheidung. Ganz einfach, weil es Erwartungen weckt, weil in dem Büchern eine ganz andere Erwartungshaltung geweckt, als das sie sie einlösen. Dabei sind es sehr gute Bücher, *Sein blutiges Projekt* ist ein überragender Histo-Roman, sowie * Das Verschwinden der Adèle Bedeau * hervorragende Psychogramme zweier Männer liefert.

Geschildert werden das Leben des Sparkassendirektors Manfred Baumann, sowie das des Kommissars Georges Gorski, welche beide durch einen Unfall vor ein paar Jahrzehnten miteinander verbunden sind, ohne dies zu wissen. Und dennoch, obwohl beide auf der anderen Seite des Gesetzes standen, hat dieser Unfall Narben auf ihrer Seele hinterlassen, die nur sie gegenseitig zu heilen vermögen. Aber da sie von ihrer Verbundenheit nichts wissen, nagt an beiden das Schuldgefühl.

Beider Leben verläuft unglücklich, Gorskis, da er eine Frau geheiratet hat, mit welcher er sich nicht versteht und welche ihn nicht akzeptiert. Baumann ist dagegen ein Gewohnheitsmensch, dessen Leben alleine deswegen ins Schleudern kommt, weil er nicht mehr von derselben Kellnerin bedient wird.

Der Autor versteht es sehr gut, dem Leser die Verletzlichkeit der beiden Männer näher zu bringen und zu erklären, warum dies für einen von beiden tödlich enden muss.

Fazit

Kein Krimi, auch kein Spannungsroman, aber ein feinfühliges Psychogramm über verletzte Seelen.

Graeme Macrae Burnet, geb. 1967 in Kilmarnock, Schottland, studierte Englische Literatur in Glasgow. Er schreibt seit seiner Jugend und wurde 2013 mit dem Scottish Book Trust New Writer’s Award ausgezeichnet. Mit seinem einzigartigen historisch-literarischen Krimi „Sein blutiges Projekt“ schaffte er 2016 den Sprung auf die Shortlist des renommierten Man Booker Prize und gehört seitdem zu den außergewöhnlichsten Neuentdeckungen der internationalen Krimiszene. Er lebt und schreibt in Glasgow.

Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Europa Verlag; Auflage: 1 (30. Juni 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3958901255
ISBN-13: 978-3958901254
Größe und/oder Gewicht: 13,6 x 2,7 x 21,6 cm

(1) CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=199110

Advertisements