So unangenehm das war und ist mit den Populisten und den grölenden Demonstranten, genau wie der Körper regelmäßige Herausforderungen für seine Gesundheit braucht, braucht die Psyche die diskursive Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, um sich weiterzuentwickeln. Nicht nur der Einzelne, auch die Gesellschaft profitiert von der Vielfalt. Sie macht kreativ und steigert die Produktivität. Und sie impft gegen reale Bedrohungen durch Feinde der offenen Gesellschaft und stärkt so das demokratische Immunsystem.
Warum Vielfalt jetzt nötig ist – Die Schönheit in der Andersartigkeit

Es war gestern kaum möglich, die Kulturteile der Zeitungen aufzurufen, ohne das einem die Entscheidung des Spiegels entgegensprang, über Wahrheit der meistverkauften Bücher zu lügen oder zu desinformieren, je nachdem, welche Formulierung man bevorzugt.

Im aktuellen Heft sind in der Bestsellerliste 20 Sachbücher aufgeführt – es gibt also keine Lücke.

Statt „Finis Germania“ ist der Titel auf dem Platz dahinter einfach eine Stelle nach vorne gerückt.
FAZ

Spiegel Online war bei mir wegen teilweise verhöhnender Werbung wie *Dein Addblocker mag Werbung, Life is bitter* (oder so ähnlich für eine Bierwerbung) auf meiner Abschussliste ohnehin schon auf dem ersten Platz, nun werde ich diese Seite nicht mehr aufrufen und auch die Spiegelausgaben, welche ich mir ab und zu kaufte, werden nun im Regal liegen bleiben.

Darum soll es in diesem Artikel nur teilweise gehen. Ich möchte fragen, wie sich ein Medium demokratisch nennen kann, oder sich offiziell für Vielfalt einsetzt, und dann Teile der Meinungen ausblenden kann. Wobei ich *ausblenden* im Sinne von *ablehnen, nicht zur Kenntnis nehmen, sich nicht damit auseinandersetzten* meine. Die von mir ansonsten recht wenig geschätzte Zeit, hat immerhin noch eine Rezension zu Finis Germania verfasst und hinterfragt in Reportagen immer wieder die Mentalitätsprobleme in Ostdeutschland. Auch die in den Kommentarspalten recht kontrovers geführte Diskussion zur Desinformation des Spiegels wurde zugelassen.

Mich irritiert, dass einige selbsternannte Demokraten es gut finden, wenn ein legales Buch totgeschwiegen wird. Gäbe es irgendetwas in diesem Buch, was strafrechtlich relevant wäre, wäre beim dem Verlag schon längst eine Strafanzeige eingegangen. Da dies nicht der Fall ist, gehe ich davon aus, dass diese Leute zwar für Vielfalt sind, aber nur für eine Vielfalt, welche ihrem Wertekanon entspricht – ansonsten muss die Vielfalt bekämpft werden.

Besonders erstaunlich fand ich den Fall von jemanden, der Bücherlisten über die NS-Zeit *gegen das Vergessen* pflegt und ein Buch nach dem nächsten über diese Zeit liest, es aber nach eigener Aussage gut findet, wenn ein Buch totgeschwiegen und verheimlicht wird. Ich weiß nicht, wie man eine solche Hybris noch kommentieren soll.

Wenn jemand aus Kreuzberg oder Neukölln gegen Nationalisten aus Dresden demonstriert, aber mit dem Argument der vermeintlich kulturellen Vielfalt blind ist für die Nationalisten im Nachbarhaus, dann höhlt das die eigenen Ideale nicht nur aus, sondern führt sie ad absurdum.
Warum Vielfalt jetzt nötig ist – Die Schönheit in der Andersartigkeit

Ich habe schon lange vor diesem FAZ – Artikel immer wieder versucht, mich in die Gedankenwelt von Rechtsradikalen zu versetzen, angesichts der doch recht unseriösen Aufmachung und der maßlosen Übertreibungen auf diversen Seiten, bin ich über Eintagesversuche nie hinausgekommen.

Ich habe mir gestern aus Protest gegen den Spiegel und als Zeichen der Solidarität Finis Germania bestellt, eigentlich in der Absicht, es ungelesen bei Tauschticket einzustellen. Inzwischen ist in mir, gerade durch die intoleranten Reaktionen in zwei Foren, der Entschluss gereift, dieses Buch tatsächlich zu lesen. Und zwar im Rahmen meines persönlichen Diversitätsprojektes.

Dieses Projekt existiert in meinem Kopf schon lange, nur kam es außerhalb des Filmblogs, in selbst dort nur rudimentär, so gut wie nie zur Anwendung. Die Idee war, Literatur zu lesen, welche sich nicht mit europäisch geprägter Kultur beschäftigt, sondern mit afrikanischer, asiatischer, vielleicht noch lateinamerikanischer. Und wenn europäisch geprägte Kulturen, dann mit den Blick der Randgruppen auf das Leben in den USA, in Europa und Australien. Und genau da kommt *Finis Germania* ins Spiel: Wenn ich die Randgruppen im Blick habe, muss ich dann neben Farbigen, Homosexuellen, Ausländern usw. nicht auch rechtslastige Personen mit einbeziehen? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Antwort *Ja* lautet.


Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat aber noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt hingewiesen, der gerade in der Therapie von Paaren und Familien eine große Wirksamkeit entfalten kann: die Wirkung der Einsicht, dass eine andere Person eine Sicht auf die Welt hat, die sich grundlegend von meiner eigenen unterscheidet und die ich nie ganz verstehen kann. Diese zunächst oft unangenehme Einsicht lehrt uns Bescheidenheit. Sie zeigt, dass die eigene Perspektive eine subjektive ist, dass man mit seinen Wahrnehmungen und Überzeugungen nicht im Zentrum der Welt steht, sondern mit anderen Menschen darüber verhandeln muss, wie die Welt zu verstehen ist, wenn man nicht in völlig einsamer Abgeschiedenheit vom Rest der Menschheit leben will.

Warum Vielfalt jetzt nötig ist – Die Schönheit in der Andersartigkeit

Warum soll ich die Position von Farbigen, Homosexuellen und Ausländern verstehen, aber die von Rechten nicht? Ist es nicht absurd, ein Buch über die letzten Nomaden der Mongolei zu lesen, aber gleichzeitig bestimmte Teile der eigenen Gesellschaft zu ignorieren? Vielfalt ist eben nicht nur schön und angenehm, und wer einen Teil ausblendet, der macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Ich möchte mir die Welt nicht so sehen, wie sie mir gefällt, ich möchte sie so sehen, wie sie ist. Und vor allem möchte ich nicht sein wie diejenigen, die Bücher verurteilen, welche sie nicht kennen und aus dritter Hand erfahren haben, wie schlimm doch alles ist. Solche Menschen verachte ich nämlich.

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