Europa irrt, wenn es den Brexit als Betriebsunfall betrachtet.
Die Briten, heißt es auf dem Kontinent, befinden sich auf einem Irrweg. Mit dem Abschied von der EU hätten sie ihren Ruf als vernünftige, pragmatische Nation verspielt. Stimmt das? Oder erleben wir gerade das Gegenteil: dass unsere Nachbarn ihren sprichwörtlichen «Common Sense» nur neu und kühn vermessen?
Jochen Buchsteiner nimmt in diesem pointierten Buch den Brexit unter die Lupe und kommt zu dem Ergebnis, dass er gar nicht so irrational ist. Auch wenn er die Geschäfte auf beiden Seiten des Kanals erschwert – er fußt auf nachvollziehbaren und redlichen Motiven, die in der Nationalgeschichte und in der Geographie des Königreichs wurzeln. Buchsteiner analysiert dieses «Anderssein», das die Briten leidenschaftlicher auf die Freiheit und kühler auf Europa blicken lässt. Der Brexit, so eine These des Essays, ist nicht das Resultat einer «populistischen Verführung», sondern folgt berechtigter Kritik am Zustand der EU und wehrt sich gegen Fehlentwicklungen des «liberalen Modells». Indem die Briten ihre Souvernität und Identität über den Wohlstand stellen, kehren sie die Prioritäten einer europäischen Einigungslogik um, die in der Krise steckt.
Niemand, schreibt Buchsteiner, kann wissen, wohin der Aufbruch der Briten führt. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Insel eine Entwicklung vorwegnimmt, die dem Festland noch bevorsteht. Die Europäer sollten mit Neugier und Demut reagieren, nicht mit Spott und Strafe. Großbritannien den Abschied so schmerzhaft wie möglich zu machen, ist unsouverän und kurzsichtig. Die Skepsis am Status quo, die dem Brexit zugrunde liegt, wächst auch in den Reihen der verbleibenden Mitgliedstaaten. Wenn der britische Abschied nicht das Ende der EU einleiten soll, muss sie Lehren aus ihm ziehen und umsteuern.
Amazon

Union Jack

Man stelle sich vor, die Ministerpräsidenten würden die deutsche Politik unter sich aushandeln, der Bundestag hätte kein Initiativrecht und eigentlich auch sonst nicht wirklich etwas zu sagen. Einen Bundesrat, der Gesetze aufhalten kann, gibt es auch nicht. Dann prescht ein Ministerpräsident vor, bestimmt, wer Bundespräsident wird, obwohl dieser ein Alkoholiker und Frauengrapscher ist. Währungshüter wird ein Banker, unter dessen Führung seine Bank vorher ein Bundesland beraten hat, wie es die anderen hinters Licht führt, um sich in die gemeinsame Währung zu mogeln. Fertig ist die Europäische Union.

Dieses höchst undemokratische Gebilde verlassen die Briten nun und es bleibt zu hoffen, dass es das Ende der EU sein wird. Denn die hat, wie der Autor anmerkt, außer den Roaminggebühren und ein paar kostenlosen Interrailtickets nie etwas für die Bevölkerung getan. Man hoffte auf den Trickle Down – Effekt: Es den Reichen / der Wirtschaft gut, geht es auch den Bürgern gut. Deutschland als eine der erfolgreichsten Exportnationen mit gleichzeitig dem größten Niedriglohnsektor dürfte Beweis genug sein, dass die These nicht stimmt.

Der Autor holt weit aus und belegt, dass die Abspaltung Englands bereits mit Heinrich dem VIII. (Der mit den vielen Frauen) begann, indem er sich als erster vom Papst und der damaligen Autorität der katholischen Kirche lossagte. Eigentlich begann die Abspaltung schon früher, mit der Manga Carta, mit welcher die Macht der englischen Könige eingehegt wurde.Die Betonung liegt deswegen auf England (+Wales), weil nach wie vor nur zählt, wie dort entschieden und gewählt wird – Schottland, Nordirland oder gar die Kolonien sind nur Anhängsel.

Ein Original der Magna Carta von 1215 (London, British Library, Cotton MS. Augustus II. 106).

Ein wenig widersprüchlich wird der Autor, wenn er die Briten gesellschaftlich als solche Hypermoralisten bezeichnet, dass es selbst deutschen Linken die Luft zu atmen abschnüren würde und gleichzeitig das Moralverständnis der EU als Teil des Brexits bezeichnet. Er sieht die Hypermoral der EU ein Riesenproblem für deren Agieren, was ich teile. So wurde Kroatien aufgenommen, um den Friedensprozess auf dem Balkan zu forcieren. Dann würden eben Menschen sterben, besser als einen ehemaligen Ostblockstaat aufzunehmen, der nur Probleme bereitet. Bei den Brexitverhandlungen geht es anscheinend mehr um die Vermeidung eines erneuten Bürgerkrieges in Nordirland als um die Wahrung eigener Interessen.

Fazit

Eine kluge Analyse nicht nur des Brexits, sondern auch um die Verfasstheit der EU als solches. Die muss schrumpfen – in der Tiefe und in der Breite. Die Asean-Staaten, wie man mit weniger Ambitionen als Staatenbund mehr erreichen kann.

Jochen Buchsteiner, geboren 1965, studierte Politikwissenschaften und Allgemeine Rhetorik. Er war Parlamentskorrespondent der ZEIT in Bonn und Berlin, schrieb für die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus Asien und berichtet nun seit sechs Jahren als politischer Korrespondent der Zeitung aus London. 2005 erschien sein Buch «Die Stunde der Asiaten. Wie Europa verdrängt wird».

Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie
Taschenbuch: 144 Seiten
Verlag: Rowohlt Buchverlag; Auflage: 1. (21. August 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 9783498006884
ISBN-13: 978-3498006884
ASIN: 3498006886
Größe und/oder Gewicht: 12 x 1,6 x 19,5 cm