Der preisgekrönte ZEIT -Reporter Henning Sußebach verlässt die Straßen und die Städte und durchwandert das deutsche Hinterland. Er gelangt in Gegenden, die wir kaum kennen, obwohl sie vor unserer Haustür liegen, und zu Menschen, die das Land bewirtschaften, aber von Städtern kaum wahrgenommen werden. Und es reift die beunruhigende Erkenntnis: Die gesellschaftliche Spaltung verläuft nicht allein zwischen Armen und Reichen, sondern vor allem zwischen Stadt und Land. Sußebach erzählt mit großer literarischer Kraft von seiner Reise, auf der er die Straßen verließ und eine andere Welt entdeckte.

Der Wanderer über dem Nebelmeer
Caspar David Friedrich, um 1818
Öl auf Leinwand, unsigniert
94,8 × 74,8 cm
Hamburger Kunsthalle

Die meisten Redaktionen sind voller Städter, die fast immer Akademiker sind. Das ist kaum vermeidbar, weil es in meinem Beruf um Lesen und Schreiben geht, nicht darum, wie man ein Schwein schlachtet, einen Motor repariert oder ein Dach deckt. Der Fehler ist, sich deshalb wissend fühlen statt beschränkt. Wer verdrängt, dass es die anderen sind, die etwas können und etwas erleben, ist verschlossen da, wo Aufgeschlossenheit angebracht wäre. Ich kenne Redakteure, die fast nur mit Redakteuren befreundet sind. Ich kenne zig Redaktionen, in denen Menschen ähnlichen Alters, ähnlicher Sozialisation und ähnlichen Status beieinandersitzen, die sich alle für Werke von Quentin Tarantino interessieren, aber nicht für marode Turnhallen oder für Sturmschäden des Orkans Kyrill.

Akademiker schrieben für Akademiker über Akademikerprobleme. In einigen Zeitungen wurden bis in feinste Verästelungen zwischen Positionen von Post., Post-Post Feministinnen und Pop-Feministinnen unterschieden, oder Antworten auf Antworten gedruckt, die bereits Antworten auf einen Essay waren, der sich mit der Frage befasst hatte, ob das Rauchverbot in Restaurants eines neuen Tugendterror sei. Insbesondere in Berliner Redaktionen konnte man den Eindruck haben: Das Das Spektrum des Bedenkens- wie Berichtenswerten werde immer schmaler – und zugleich verfestigte sich das Vorurteil, gleichaußerhalb der Stadt beginne eine Art nationales Dschungelcamp, ein Dumpfland, in dem die Leute nur damit beschäftigt sind, ihre Autos zu waschen und Grills anzufeuern. (S. 66- 68)

Mein Eindruck von Städtern bestätigt dies. Mein Eindruck von Städtern auf Twitter ist: Sie sind arrogant, selbstherrlich, selbstgerecht und halten sich für weltoffen, wenn sie kreuz und quer durch Deutschland fahren, ihre Blase aber trotzdem nie verlassen. Sie nennen sich Kulturwissenschaftler, plappern über Serien wie wir damals auf dem Schulhof über Beverly Hills 90210 und Melrose Place, und halten sich dabei für unglaublich intelligent. Die gelebte Kultur da draußen, würde den Herrn Kulturwissenschaftler nie interessieren. Da gibt es viel zu viel Unangenehmes, die man nicht einfach blocken kann – besser wegbleiben. Wenn sich nicht einmal Kulturwissenschaftler für die Alltagskultur interessiert, wer denn dann? Was sind das für Kulturwissenschaftler, die alles blocken, was schmerzhaft ist, und sei es eine andere Meinung über einen Film? Wer es süß und niedlich möchte, sollte sich in der Kunstgeschichte auf naive Bauernmalerei und den Manierismus konzentrieren – der Rest dürfte schon wieder zu hart für die empfindlichen Seelen sein.

Gleichzeitig wirken sie babyhaft dumm und unwissend, schwatzen einen Stuss daher, bei dem ich mich eher frage, ob ein Förderschüler nicht auf Twitter einen auf intellektuell macht. (Was zu dem hochtrabenden *Schulhofgeschwätz* über Serien passt.) Ich wäre mir teilweise noch nicht einmal sicher, ob diese Leute eine auch nur grobe Vorstellung von den Gesetzen dieses Landes, oder den Aufbau des Justiz- / oder Staatsapparates allgemein haben.

Und was mir noch nicht aufgefallen ist, der Autor aber anspricht: Die Regenbogenflagge ist keine Flagge der Solidarität, sondern eine der Exklusion. Gibt es eine Fahne für alleinstehende Mütter, für Arbeitslose, für Behinderte? Alles Gruppen, welche in den Tweets der Salon-Linken nicht vorkommen, die einen Herzinfarkt (Jemand schrieb tatsächlich mal von Angst bezüglich eines LTBG – feindlichen, ich habe ihn selbst nicht gelesen, Tweets.) kriegen, in deren engstirnigen Gedankenwelten aber andere Gruppen nicht vorkommen:*Ihr seid uns egal.*.
Genau wie sich Journalisten entweder in ihrer Blase bewegen oder Schicksale in anderen Ländern portraitieren: *Ihr seid und egal*.

Aus dieser Blase bricht der Autor aus, und wandert von der Ostsee zur Zugspitze. Und lernt das wahre Leben kann. Leute, die sinnvolle Berufe haben. Berufe, welche wichtig sind. Ich behaupte: Man könnte die Literaturkritik, Kulturmagazine allgemein ersatzlos streichen, und viele Leute würde es nicht bemerken. Nicht einmal ich, die viel lese, würde es bemerken, da ich diese Szene nicht einmal streife, und ihre Texte nicht lese. Ich interessiere mich wirklich für Kunst und Kultur, aber ich nehme ihre Welt nicht wahr. Vielleicht müssen sie so viel Wind um sich machen, weil sie eigentlich wissen, dass ihre Jobs überflüssig sind.

Sollten dagegen die Bauern, die Werkstättenbetreiber, die Verkäufer die Arbeit einstellen, dann wäre das ziemlich schlecht. Und der Autor staunt, welcher Erfahrungsschatz und welches Wissen in der Provinz zuhause ist. Sowie ein 14jähriger Junge, der das Zuchtbudget des Hofes verantwortet und die besten Zuchtbullen zur Besamung auswählt. Und irgendwann kommt ihm die Erkenntnis, dass es mehr Kultur sein kann, einer Lainschauspieltruppe beizutreten als ein Theaterabo zu kaufen.

Wichtig auch folgende Erkenntnis: Städter müssen die Folgen ihres Wahlverhaltens selten tragen – das muss der Rest des Landes. Sie wählen die Grünen, fühlen sich umweltbewusst, wenn sie Strom aus erneuerbaren Energie kaufen, und realisieren nicht, dass für die Windräder z.B. der halbe Odenwald abgeholzt wird. Sie sind zu dumm und ignorant, um zu begreifen, dass ihr Umweltbewusstsein Umwelt vernichtet.

Die Begegnungen sind sehr warmherzig und realistisch gestaltet, man kann sich die Leute, ob erfolgreich oder im Leben gescheitert, richtig vorstellen.

Fazit

Ein gutes Buch, aus welchem die Städter aber keine Lehren ziehen werden. Sie sind dazu zu engstirnig, zu naiv, zu ignorant und zu ungebildet.

Henning Sußebach wurde 1972 in Bochum geboren, seit 2001 ist er Redakteur der Wochenzeitung «Die Zeit». Seine Reportagen wurden mit den bedeutendsten deutschen Journalistenpreisen ausgezeichnet, unter anderem dem Egon Erwin-Kisch- und dem Theodor-Wolff-Preis.

Deutschland ab vom Wege: Eine Reise durch das Hinterland
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch; Auflage: 2. (15. Mai 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499631695
ISBN-13: 978-3499631696
Größe und/oder Gewicht: 12,5 x 1,3 x 19 cm