In «Feuer und Zorn» hatte Michael Wolff die chaotischen ersten Monate von Donald Trumps Präsidentschaft dokumentiert. Nun ist die Lage ganz anders: Trump hat die fähigsten Berater entlassen, die Weltmacht USA ist endgültig seinen impulsiven Instinkten unterworfen. Gleichzeitig ist er unter Beschuss, von Freund und Feind, von seiner radikalen Basis und dem politischen Establishment in Washington. Wolff schildert in seinem packenden neuen Buch einen amerikanischen Präsidenten, der sich permanent verfolgt fühlt und der sich dabei immer wieder an den Rand der Selbstzerstörung bringt: einen Trump, der rasend ums politische Überleben kämpft.

Wolffs Buch ist eine Tragikkomödie und ein großes politisches Drama. Er macht deutlich, wie sehr die amerikanische Außenpolitik mit den Geschäftsinteressen seines Schwiegersohns verquickt ist und warum Trump dem Sonderermittler Robert Mueller noch einmal entkommen konnte; dass Trump Nordkorea nicht auf der Karte finden könnte und Melania wieder bei ihren Eltern wohnt. Und im Zentrum von allem ein Weißes Haus, in dem jeder gegen jeden steht – und alle sich fragen: Wann fliegt uns das hier um die Ohren? Amazon

Trump und seine dritte Ehefrau Melania bei einem Wahlkampfauftritt 2016 (1)

Trump und seine dritte Ehefrau Melania bei einem Wahlkampfauftritt 2016 (1)

Ich habe die Trump-Literatur als ganz eigenes Genre schätzen gelernt: Sie ist unterhaltsam, man weiß nicht so richtig, ob man lachen oder weinen möchte und bestenfalls führt sie, wie in diesem Buch, hinter die Kulissen der Weltpolitik.

Fast so erschrecken wie Trumps Ausbrüche ist allerdings die eigentliche Vergesslichkeit: Helsinki, der brutale Mord an Khashoggi, die Shutdowns… alles vielleicht nicht vergessen, aber zumindest begraben in tieferen Hirnschichten.

Wolff führt durch fast ein Jahr Präsidentschaft, von Tiefpunkt zu Tiefpunkt. Dabei ist sein Buch keine reine Aufarbeitung, sondern man erfährt viele Hintergründe, die die finanziellen Verstrickungen und Probleme des Ehepaares Kushner mit einer sich immer größer werdenden Abhängigkeit von arabischen Despoten. Man erfährt von dem massiven Kokain-Problem des saudischen Kronprinzen, und von den Intrigen innerhalb der Trumpfamilie, welche Melania Trump veranlassten, hauptsächlich bei ihren Eltern in Maryland zu wohnen – um ihren Sohn zu schützen, der Trump ein Dorn im Auge ist. Sein Vergehen war ein Wachstumsschub, sodass er nun größer als sein Vater sein soll. Zudem soll Trump nur durch geschicktes Kämmen seine Glatze verdecken.

Auch Interna aus dem Hühnerhaufen im Weißen Haus gibt es zuhauf. Es wird aber auch die Verzweiflung der Mitarbeiter geschildert, welche am liebsten kündigen würden, als Mitarbeiter Trumps aber so verbrannt sind, dass sie niemand nimmt.

Das klingt nach einem furchtbaren Klatschbuch, welches es aber nicht ist. Wolff arbeitet sich durchaus durch das eine Jahr, und beleuchtet dabei verschiedene Aspekte. Immer wieder leuchtet Trumps absolutes Unverständnis durch, Dinge zu durchblicken. Wenn Demonstranten am Straßenrand stehen, dann sind sie in seinen Augen Bewundrer – Nur der Baby-Trump-Ballon war so eindeutig, dass auch er ihn verstand. Und zu gerne würde wohl jeder wissen, womit Putin Trump in Helsinki so unter Druck gesetzt hat, dass dieser danach ganz geknickt war. Womit könnte dieser Präsident noch schocken? Mit pinkelnden Prostituierten bestimmt nicht.

Fazit

Unterhaltsam und informativ gleichzeitig.

Michael Wolff, 1953 geboren, ist der Autor des Bestsellers «Feuer und Zorn», das eindrucksvoll die ersten Monate der Trump-Präsidentschaft beschreibt. Wolff hat zahlreiche Preise für seine Arbeit erhalten, darunter zweimal den «National Magazine Award». Er hat sieben Bücher verfasst und schreibt für «Vanity Fair», «New York» und «The Hollywood Reporter». Michael Wolff lebt in New York und hat vier Kinder.

Hainer Kober

Hainer Kober, geboren 1942, lebt in Soltau. Er hat u.a. Werke von Stephen Hawking, Steven Pinker, Jonathan Littell, Georges Simenon und Oliver Sacks übersetzt.

Werner Schmitz

Werner Schmitz ist seit 1981 als Übersetzer tätig, u. a. von Malcom Lowry, John le Carré, Ernest Hemingway, Philip Roth und Paul Auster. 2011 erhielt er den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis. Er lebt in der Lüneburger Heide.

Jan Schönherr

Jan Schönherr lebt in München und hat Autoren wie Charles Bukowski, Roald Dahl und Francis Spufford übersetzt. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur.

Unter Beschuss: Trumps Kampf im Weißen Haus
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Rowohlt Buchverlag; Auflage: 2. (4. Juni 2019)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498001094
ISBN-13: 978-3498001094
Größe und/oder Gewicht: 15 x 4 x 22 cm

(1) Von Marc Nozell from Merrimack, New Hampshire, USA – 20160208-DSC08078, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46940120