Gedichte

Die Zeit ist hin

Die Zeit ist hin; du löst dich unbewusst
Und leise mehr und mehr von meiner Brust;
Ich suche dich mit sanftem Druck zu fassen,
Doch fühl ich wohl, ich muss dich gehen lassen.

So lass mich denn, bevor du weit von mir
Im Leben gehst, noch einmal danken dir;
Und magst du nie, was rettungslos vergangen,
In schlummerlosen Nächten heimverlangen.

Hier steh ich nun und schaue bang zurück;
Vorüber rinnt auch dieser Augenblick,
Und wieviel Stunden dir und mir gegeben,
Wir werden keine mehr zusammen leben.

(Erstdruck 1852) Theodor Sturm

DIE VÖGEL WARTEN IM WINTER VOR DEM FENSTER

(Bertolt Brecht)

Ich bin der Sperling. Kinder ich bin am Ende.

Und ich rief euch immer im vergangenen Jahr

Wenn der Rabe wieder im Salatbeet war

Bitte um eine kleine Spende Sperling,

komm nach vorn Sperling, hier ist dein Korn

Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin der Buntspecht. Kinder ich bin am Ende.

Und ich hämmerte die ganze Sommerzeit

All das Ungeziefer schaffe ich beiseit.

Bitte um eine kleine Spende.

Buntspecht komm nach vurn.

Buntspecht, hier ist dein Wurm

Und besten Dank für die Arbeit!

Ich bin die Amsel. Kinder, ich bin am Ende.

Und ich war es, die den ganzen Sommer lang

Früh im Dämmergrau in Nachbars Garten sang.

Bitte um eine kleine Spende

Amsel, komm nach vom.

Amsel, hier ist dein Korn

Und besten Dank für die Arbeit.

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8 Gedanken zu “Gedichte”

  1. „Ich gehe langsam aus der Welt heraus
    In eine Landschaft jenseits aller Ferne,
    und was ich war und bin und was ich bleibe
    geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
    in ein bisher noch nicht betretenes Land.

    Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
    In eine Zukunft jenseits aller Sterne,
    und was ich war und bin und immer bleiben werde
    geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
    als wär ich nie gewesen oder kaum.“

    (Hans Sahl)

  2. Do not stand at my grave and weep,
    I am not there, I do not sleep.

    I am a thousands winds that blow
    I am the diamond glint on snow
    I am the sunlight in ripened grain
    I am the gentle autumn rain.
    When you awaken in the morning hush
    I am the swift uplifting rush
    of quiet birds in circled flight
    I am the soft stars that shine at night.

    Do not stand at my grave and cry,
    I am not there, I did not die.

  3. Herbsttag

    Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
    Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
    und auf den Fluren laß die Winde los.

    Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
    gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
    dränge sie zur Vollendung hin und jage
    die letzte Süße in den schweren Wein.

    Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
    Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
    wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
    und wird in den Alleen hin und her
    unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

    Rainer Maria Rilke

  4. Gedicht La Jouissance (Die Lust), 1740

    Die Hymne Friedrichs des Großen auf die Macht der Lust im Original und in deutscher Interlinearübersetzung

    La Jouissance

    De Königsberg à Monsieur Algarotti, cygne de Padoue

    Cette nuit, contentant ses vigoureux désirs
    Algarotti nageait dans la mer des plaisirs.
    Un corps plus accompli qu’en tailla Praxitèle,
    Redoublait de ses sens la passion nouvelle.
    Tout ce qui parle aux yeux et qui touche le cœur,
    Se trouvait dans l’objet qui l’enflammait d’ardeur.
    Transporté par l’amour, tremblant d’impatience,
    Dans les bras de Cloris à l’instant il s’élance.
    L’amour qui les unit, échauffait leurs baisers
    Et resserrait plus fort leurs bras entrelacés.
    Divine volupté! Souveraine du monde!
    Mère de leurs plaisirs, source à jamais féconde,
    Exprimez dans mes vers, par vos propres accents
    Leur feu, leur action, l’extase de leurs sens!
    Nos amants fortunés, dans leurs transports extrêmes,
    Dans les fureurs d’amour ne connaissaient qu’eux-mêmes:
    Baiser, jouir, sentir, soupirer et mourir,
    Ressusciter, baiser, revoler au plaisir.
    Et dans les champs de Gnide essoufflés sans haleine,
    Etait de ces amants le fortuné destin.
    Mais le bonheur finit; tout cesse le matin.
    Heureux, de qui l’esprit ne fut jamais la proie
    Du faste des grandeurs et qui connut la joie!
    Un instant de plaisir pour celui qui jouit,
    Vaut un siècle d’honneur dont l’éclat éblouit.

    Die Lust

    Aus Königsberg an Herrn Algarotti, Schwan von Padua

    Diese Nacht, getragen von seinem kräftigen Verlangen,
    Schwamm Algarotti im Meer der Genüsse.
    Ein Körper, vollendeter als von Praxiteles geformt,
    Steigerte die neue Leidenschaft seiner Sinne.
    Alles, was die Augen anspricht und das Herz bewegt,
    Fand sich im Objekt der Begierde, das ihn erglühen ließ.
    Außer sich vor Liebe, zitternd vor Ungeduld,
    Stürzt er sich sogleich in die Arme von Chloris.
    Die Liebe, die sie vereinte, erhitzte ihre Küsse
    Und ließ sie sich noch enger umschlingen.
    Göttliche Wollust! Herrin der Welt!
    Mutter ihrer Genüsse, stets fruchtbare Quelle,
    Bezeuge in meinen Versen mit Deiner Stimme
    Ihr Feuer, ihr Tun, die Ekstase ihrer Sinne!
    Unsere glücklichen Liebenden, in ihrer äußersten Leidenschaft,
    Im Überschwang der Liebe kannten sie nur noch sich selbst:
    Küssen, in Lust zergehen, seufzen und sterben,
    Neu auferstehen im Kuss, um wieder Lust zu werden.
    Und in den Feldern von Knidos, erschöpft, außer Atem,
    So war das glückliche Schicksal dieser Liebenden.
    Doch die Freude endet; am Morgen ist alles vorbei.
    Glücklich, wessen Geist nie dem Prunk der Macht verfiel
    Und wer die Freude gekannt!
    Ein Augenblick der Lust ist für den, der genießt, so viel wert wie
    Ein Jahrhundert der Ehre, dessen schöner Schein trügt.

    Interlinearübersetzung: Vanessa de Senarclens

    Quelle: Die Zeit

  5. Weihnachtsabend

    Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
    Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
    Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
    Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

    Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
    Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
    ,,Kauft, lieber Herr!” Ein magres Händchen hielt
    Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

    Ich schrak empor, und beim Laternenschein
    Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
    Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
    Erkannt’ ich im Vorübergehen nicht.

    Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
    Noch immer hört’ ich, mühsam, wie es schien:
    ,,Kauft, lieber Herr!” den Ruf ohn’ Unterlaß;
    Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

    Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
    Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
    Eh’ meine Hand zu meiner Börse kam,
    Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

    Doch als ich endlich war mit mir allein,
    Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
    Als säß’ mein eigen Kind auf jenem Stein
    Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

    Theodor Storm

    Fundort

  6. It is the Soldier, not the minister
    Who has given us freedom of religion.

    It is the Soldier, not the reporter
    Who has given us freedom of the press.

    It is the Soldier, not the poet
    Who has given us freedom of speech.

    It is the Soldier, not the campus organizer
    Who has given us freedom to protest.

    It is the Soldier, not the lawyer
    Who has given us the right to a fair trial.

    It is the Soldier, not the politician
    Who has given us the right to vote.

    It is the Soldier who salutes the flag,
    Who serves beneath the flag,
    And whose coffin is draped by the flag,
    Who allows the protester to burn the flag.

    Charles m. Province

  7. „Ich bat GOTT um Kraft,
    damit ich etwas vollbringe;
    ich wurde schwach gemacht,
    damit ich demütig gehorche.

    Ich bat um Gesundheit,
    damit ich Größeres tue,
    mir wurden Gebrechen gegeben,
    damit ich Besseres tue.

    Ich bat um Reichtum,
    damit ich glücklich werde;
    mir wurde Armut gegeben,
    damit ich Weisheit gewinne.

    Ich bat um Macht,
    damit ich von Menschen geehrte werde;
    mir wurde Schwachheit gegeben,
    damit ich meine Abhängigkeit von GOTT erkenne.

    Ich bat um alles,
    damit ich das Leben genießen kann;
    mir wurde nur Leben gegeben,
    damit ich alles genießen kann.

    Ich erhielt nichts von dem, was ich erbat…
    Aber alles, was gut für mich war.

    Gegen mich selbst wurden meine Gebete erhörte.
    Ich bin unter allen Menschen, ein gesegneter Mensch.“
    Gebet eines unbekannten Soldaten

  8. Hans Hartz 1994

    „Die weißen Tauben sind müde, sie fliegen lange schon nicht mehr.
    Sie haben viel zu schwere Flügel und ihre Schnäbel sind längst leer.
    Jedoch die Falken fliegen weiter.
    Sie sind so stark wie nie vorher und ihre Flügel werden breiter und täglich kommen immer mehr.
    Nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.“

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